Wer dieser Tage in einer amerikanischen Großstadt einem Hyundai Ioniq 5 mit ungewöhnlich vielen Sensoren am Dach begegnet, könnte gerade Teil von Ubers neuestem Geschäftsfeld werden. Das Unternehmen rüstet 500 Fahrzeuge mit je 14 Kameras, acht Lidar-Sensoren und neun Radarsystemen aus — und schickt sie in den normalen Fahrbetrieb, um Trainingsdaten für autonome Fahrzeuge zu produzieren.
Zwei Millionen Meilen Rohdaten — auf Bestellung
Das Ziel sind zwei Millionen Meilen pro Monat an hochauflösenden 360-Grad-Aufnahmen. Laut Uber soll die Flotte die „geografisch vielfältigste Trainingskomponente“ für autonomes Fahren werden — Abnehmer sind bereits bestätigte AV-Partner wie Waymo, Avride und WeRide. Uber liefert also künftig nicht mehr nur Fahrten, sondern die Datenbasis, auf der Wettbewerber ihre Algorithmen trainieren.
14 Kameras, 8 Lidar und 9 Radar pro Fahrzeug erfassen dabei alles, was sich im Straßenbild bewegt: andere Autos, Fußgänger, Radfahrer, Ampeln, Baustellen. Das ist keine Beifang-Datensammlung — das ist das eigentliche Produkt. Ob und wie das Material vor der Weitergabe anonymisiert wird, hat Uber bislang nicht öffentlich erläutert.
Fahrdienst als Nebengeschäft
Was Uber hier macht, ist technisch nicht neu. Google Street View fährt seit fast zwanzig Jahren durch Städte und fotografiert alles. Tesla sammelt FSD-Daten über seine gesamte Flotte. Der Unterschied ist die Intensität: 14 Kameras plus Lidar in einem Fahrzeug, das täglich hunderte Kilometer im Stadtverkehr zurücklegt, produziert in kurzer Zeit Mengen an verwertbarem Material, die eine Mapping-Kampagne in Jahrzehnten nicht erreicht.
Dahinter steckt auch ein Strategiewandel. Als reiner Fahrdienst-Vermittler steht Uber seit Jahren unter Druck: Fahrpreise reguliert, Fahrerkosten gestiegen, Marktanteile hart umkämpft. Als Datenpipeline-Anbieter für die AV-Industrie öffnet sich ein zweites Standbein, das unabhängig vom einzelnen Fahrpreis skaliert — und das mit Infrastruktur betrieben wird, die ohnehin schon auf der Straße ist.
Datenschutzfragen ohne Antworten
Die Initiative läuft vorerst in den USA, wo Datenerfassung im öffentlichen Straßenraum regulatorisch weitgehend uneingeschränkt ist. In Europa sähe das anders aus. Ich hatte in den letzten Jahren mehrfach Gespräche mit Kunden über Dashcam-Regelungen im Firmenfuhrpark — schon bei einzelnen Fahrzeugen ist die Rechtslage in Deutschland kompliziert, sobald der öffentliche Raum systematisch aufgezeichnet wird. Was Uber mit 500 Fahrzeugen und zwei Millionen Meilen pro Monat plant, spielt in einer anderen Liga.
Ob Regulatoren das irgendwann ernsthaft aufgreifen, bleibt offen. Für Uber ist das Timing im Moment günstig: Datenhunger in der AV-Industrie hoch, regulatorischer Gegenwind in den USA gering. Das Flottenkonzept dürfte noch mehrere Runden Expansion sehen, bevor irgendjemand die Bremse zieht.


