Der texanische Generalstaatsanwalt Ken Paxton wirft Meta vor, trotz Ende-zu-Ende-Verschlüsselung praktisch alle WhatsApp-Nachrichten mitlesen zu können. Die am 21. Mai in Harrison County eingereichte Klage stützt sich auf Aussagen anonymer Quellen – belastbare technische Belege fehlen. Sicherheitsforscher haben die Behauptungen bereits vor Monaten als unplausibel zurückgewiesen.
Auf einen Blick
- Paxton beruft sich auf den Texas Deceptive Trade Practices Act und fordert Strafzahlungen sowie eine gerichtliche Unterlassungsanordnung.
- Aktenzeichen 26-0393, eingereicht am 21. Mai 2026 in Harrison County, Texas.
- Meta bestreitet die Vorwürfe und verweist auf die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung.
- Ex-Sicherheitschef Alex Stamos und Kryptograph Matthew Green halten eine versteckte Hintertür für ausgeschlossen.
- Ermittlungen des US-Handelsministeriums zum gleichen Sachverhalt wurden im April abgebrochen.
Warum Kryptographie-Experten die Vorwürfe zerlegen
Eine Hintertür in WhatsApp müsste auf den Endgeräten der Nutzer arbeiten – genau dort, wo die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung ansetzt. Apps für iOS und Android werden routinemäßig von unabhängigen Sicherheitsforschern auseinandergenommen. Der Kryptographie-Experte Matthew Green argumentierte bereits im Februar in einem ausführlichen Blogeintrag, dass ein heimlicher Zugang im App-Code praktisch zwangsläufig auffliegen würde. Auch der frühere Meta-Sicherheitschef Alex Stamos äußerte sich klar: Eine seit Jahren bestehende Hintertür könne er mit nahezu sicherem Stand ausschließen, weil sie ein massives Sicherheitsrisiko darstellen würde, das ein Unternehmen wie Meta nicht offenlassen würde.
Green wies zugleich auf einen plausiblen Ursprung der Verwirrung hin: Wenn Nutzer einen Chatpartner wegen Belästigung melden, übermittelt die App die fraglichen Nachrichten im Klartext an Meta. Inhaltsmoderatoren bekommen diese Mitschnitte zu sehen – nicht durch einen Bruch der Verschlüsselung, sondern weil der absendende Nutzer sie aktiv freigegeben hat.
Was die Klage konkret behauptet
In der Klageschrift wirft das Büro Paxtons Meta vor, mit Datenschutz-Versprechen irreführend zu werben. WhatsApp habe Zugriff auf nahezu alle vermeintlich privaten Kommunikationsinhalte seiner Nutzer. Die Klage stützt sich auf den Texas Deceptive Trade Practices Act und fordert finanzielle Strafen sowie eine gerichtliche Verfügung, die Meta untersagen würde, ohne Einwilligung auf Nachrichten texanischer Nutzer zuzugreifen.
Meta-Sprecher Andy Stone wies die Anschuldigungen umgehend zurück. Das Unternehmen werde sich vor Gericht verteidigen, die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung mache es technisch unmöglich, Inhalte einzusehen.
Eine eingestellte Bundesermittlung als Ausgangspunkt
Grundlage der Vorwürfe sind Aussagen ehemaliger Mitarbeiter und eines Whistleblowers, die im vergangenen Jahr beim US-Handelsministerium aufgeschlagen waren. Ein Sonderermittler ging den Hinweisen nach, das Verfahren wurde Ende April aber abrupt eingestellt – angeblich auf Anweisung der Behördenführung. Welche Beweise dabei gesammelt wurden, ist nicht öffentlich. Nach Recherche von Bloomberg gaben zwei Personen aus dem Bereich Inhaltsmoderation an, sie hätten breiten Zugriff auf WhatsApp-Nachrichten gehabt. Dass das tatsächlich auf einer Hintertür beruht und nicht etwa auf gemeldeten Inhalten oder serverseitig gespeicherten Backups, geht aus den bekannten Aussagen nicht hervor.
Vorwahlkampf und Klagewelle gegen Big Tech
Paxton steckt mitten in einem republikanischen Vorwahlkampf um einen US-Senatssitz – die Stichwahl gegen Amtsinhaber John Cornyn steht kurz bevor. Seit Anfang 2026 zieht der Generalstaatsanwalt eine Klageserie gegen große Tech-Firmen durch: im Februar gegen den Routerhersteller TP-Link, Anfang Mai gegen Netflix wegen angeblicher Datensammlung, dazu ein Vergleich mit LG. Die Häufung medienwirksamer Verfahren passt in die Wahlkampfdramaturgie. Politische Beobachter ordnen die jetzt erhobenen Vorwürfe daher nicht nur juristisch, sondern auch als Bühnenauftritt ein.
Fazit
Die Klage liefert bislang keine neuen Belege für die zentrale Behauptung, sondern recycelt Aussagen aus einer eingestellten Bundesermittlung. Sollte Meta tatsächlich eine WhatsApp-Hintertür betreiben, wäre sie das längst gefundene Geheimnis der IT-Branche – bisher konnte sie niemand vorzeigen. Vor Gericht steht damit weniger die Kryptographie als das Marketing: Paxton zielt auf die Werbung mit Privatsphäre, nicht auf den Code. Ein Urteil dürfte sich Monate hinziehen und Meta zu einer aufwendigen Beweisführung zwingen – dass ein Negativbeweis kaum lückenlos zu erbringen ist, gehört zur Strategie solcher Verfahren.



