Luzern (ots) –

Frauen sind in der Schweiz stärker von Armut betroffen und einem höheren Armutsrisiko ausgesetzt als Männer. Am Caritas-Forum in Bern setzten sich heute rund 300 Fachleute mit den Ursachen der Frauenarmut auseinander und suchten nach geeigneten Wegen, wie das geschlechtsspezifische Armutsrisiko reduziert werden kann.

In ihrer Begrüssung zur sozialpolitischen Tagung unterstrich Gisèle Girgis-Musy, Mitglied des Präsidiums der Caritas Schweiz, dass Gleichstellung in der Schweiz zwar verfassungsrechtlich verankert sei, aber in der Realität viele Lücken bestünden. Das betreffe gerade auch den Arbeitsmarkt und die Frage, welche Arbeit bezahlt werde und welche nur schlecht oder gar nicht: „Wer meint, Frauen stünden heute die gleichen Möglichkeiten wie den Männern offen, blendet strukturelle Ursachen von Frauenarmut aus. Traditionelle Rollenvorstellungen wirken bis heute nach.“

Sozialsystem und Arbeitsmarkt benachteiligen Frauen

Andrea Gisler, Rechtsanwältin und Fachanwältin für Familienrecht, zeigte auf, wie das schweizerische Sozialsystem Frauen benachteiligt und ihr Armutsrisiko steigert. Da das Altersvorsorgesystem an ein Erwerbseinkommen gekoppelt sei, verunmögliche es Frauen, die unbezahlte Care-Arbeit leisten, eigenständig eine angemessene Altersvorsorge aufzubauen.

Hinzu kommt, dass viele Frauen unterbeschäftigt, unterbezahlt und überbeansprucht sind – und daher oft arm trotz Arbeit seien, wie Morgane Kuehni, Professorin an der Hochschule für Sozialarbeit und Gesundheit in Lausanne, betonte. Erzwungene Teilzeitarbeit sei vor allem in Pflege- und Dienstleistungssektoren anzutreffen, wo der Frauenanteil sehr hoch ist. „Der Arbeitsmarkt benachteiligt Frauen und steigert ihr Armutsrisiko“, bilanziert Morgane Kuehni.

Was Managementmethoden im Gesundheitswesen bewirken

Warum sind ausgerechnet Care-Tätigkeiten, die für das Funktionieren des täglichen Lebens und die Versorgung zentral sind, schlecht bezahlt? Auf diese Frage hat Ökonomieprofessor Mathias Binswanger eine unbequeme Antwort am Beispiel des Gesundheitswesens: Auch hier hätten – im Namen von Qualität und Effizienz – Managementmethoden Einzug gehalten. Dadurch seien zahlreiche gut bezahlte Verwaltungsjobs mit höheren Bildungsanforderungen entstanden, was den Lohndruck auf die weniger qualifizierten Tätigkeiten zusätzlich verstärkt habe. Gleichzeitig seien diese Arbeiten insbesondere im Kontakt mit und zum konkreten Nutzen von Patientinnen und Patienten entwertet worden – auch, da sie sich nur bedingt automatisieren und rationalisieren liessen. Dadurch seien sie einer zunehmend härter werdenden globalen Konkurrenz durch billige Arbeitskräfte ausgesetzt.

Die Krisenanfälligkeit der Wirtschaft verstärkt den Spardruck gerade bei personenbezogenen Dienstleistungen. Der emeritierte Soziologieprofessor Ueli Mäder erläuterte, warum Frauen von Krisen überdurchschnittlich stark betroffen sind und ein erhöhtes Armutsrisiko in Kauf nehmen müssen. Zudem würden sich in Krisenzeiten traditionelle Geschlechterrollen verfestigen. In der Corona-Pandemie habe unter anderem die Schliessung von Schulen und Kitas viele Frauen in traditionelle Rollen im Haushalt und in der Kindererziehung zurückgedrängt.

Wenn sich Diskriminierungen überlagern

Dass es elementar ist, das Ineinandergreifen verschiedener Diskriminierungsformen zu verstehen, unterstrich Lelia Hunziker, Geschäftsführerin der FIZ Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration. Gerade Frauen seien der Gleichzeitigkeit von verschiedenen Diskriminierungen besonders stark ausgesetzt: Sie verdienen weniger als Männer, Nichtweisse leiden unter Rassismus, und Migrantinnen, deren Aufenthaltsstatus vom Ehemann oder Arbeitgeber abhängig ist, können sich gegen Gewalt nicht wehren, ohne zu befürchten, ausgeschafft zu werden. Diese gelte es bei den Massnahmen zur Bekämpfung der Frauenarmut zu berücksichtigen.

Die Schattenseiten der Schweizer Gleichstellungspolitik beleuchtete Markus Theunert, Gesamtleiter von männer.ch, dem Dachverband progressiver Schweizer Männer und Väterorganisationen. „Die Schweizer Gleichstellungspolitik ist eine mittelschichtorientierte Politik für bereits Privilegierte, die Geschlechter- und Gerechtigkeitsfragen entkoppelt, statt sie systematisch zu verzahnen“, kritisierte er.

Was Frauen in die Erschöpfung treibt

Im abschliessenden Gespräch blickte Soziologin und Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach hinter die Freiheitsversprechen der Emanzipation: Der zunehmenden Erwerbsbeteiligung von Frauen stehe bis heute keine gleichberechtigte Aufteilung der Care-Arbeit gegenüber. Noch immer seien es vornehmlich Frauen, welche diese Arbeiten gratis oder zu einem niedrigen Lohn erbringen. Diese geschlechterbasierte Rollenverteilung sei einer der Hauptgründe, der nicht nur das Armutsrisiko für Frauen erhöhe, sondern sie auch in die Erschöpfung treibe.

Caritas Schweiz hat parallel zum Forum auch den Sozialalmanach 2022 „Frauenarmut“ herausgegeben. Der Sammelband ist zu beziehen unter: www.caritas.ch/shop oder per E-Mail: shop@caritas.ch

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Quelle: Presseportal