Frankfurt (ots) – Vier Worte drängen sich nach einem Skandal leicht auf: Wie kann man nur! Unverständnis macht sich breit, wenn das Vorspiel der Pleite des Hedgefonds Archegos von den Prüfern am Beispiel der Credit Suisse aufgedröselt wird. Ihr Befund ist deutlich: Lethargie in der Risikodisziplin, ein Mangel an Verantwortlichkeit, ein systematisches Ignorieren von Warnsignalen, eine fehlende Streitkultur und Scheu vor einer Eskalation. Am Ende sind 5 Mrd. sfr verdampft.

Doch der Eindruck, dass ein Bankvorstand Skandale leicht verhindern kann, indem er mit gutem Willen und gesundem Menschenverstand einfach nur hinsieht, könnte ein Trugschluss sein. Skandale passieren viel zu häufig. Wie bereitwillig etwa haben viele hiesige Banken und Fonds Wirecard Geld anvertraut, wie häufig haben diverse Adressen Geldsummen für windige Kunden transferiert und Bußgelder kassiert, wie teuer kommt die Greensill-Havarie – noch so eine spektakuläre Pleite – nicht nur Fondsanleger der Credit Suisse, sondern über Umwege auch die deutsche Kreditwirtschaft zu stehen! So haarsträubend jeder Fall auch ist, so regelmäßig treten gravierende Fehltritte auf, dass sie fast schon normal erscheinen – nur das sollten sie nicht sein.

Es ist paradox: Zur Skandal-Prophylaxe ist Verständnis für die haarsträubenden Fehltritte wichtig. Die Beziehung der Credit Suisse zu Archegos war lange gewachsen, das Unternehmen über Jahre erstaunlich er­folg­reich, auch andere Banken be­dienten den Hedgefonds be­reitwillig. In dieser Gemengelage war es schwierig, ein profitables und augenscheinlich be­herrschbares Engagement in Frage zu stellen. Unternehmen sind komplexe Gebilde, Führungskräfte mitunter blind, Gruppen ähnlich denkender Menschen anfällig für Fehleinschätzungen. Es ist haarsträubend, welche Risiken Archegos, finanziert von Banken, aufbauen konnte. Gerade deshalb sollte ein Skandal nicht als Gier der Dummen und Dreisten abgetan werden.

Haarsträubend ist aber auch, was Credit-Suisse-Chef Thomas Gottstein zu Protokoll gibt: Von Archegos habe er bis zur Berichterstattung noch nie etwas ge­hört! Der Manager kann froh sein, dass der Prüfbericht das Versagen in der ersten und zweiten Reihe sieht, weniger in der obersten Etage. Und er hat Glück, dass der Abgang seines Vorgängers Tidjane Thiam, der nach einem Abhörskandal nicht mehr haltbar war, wenig mehr als ein Jahr her ist und die Credit Suisse nicht direkt wieder einen CEO austauschen mag. Noch ein Skandal aber, und Gottstein muss gehen. Auch das wäre im Bankgeschäft normal.

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