Mainz (ots) –

Am Tag danach ist klar, wie sehr das Gutachten zu sexuellem Missbrauch im Bistum München und Freising die katholische Kirche in ihren Grundfesten erschüttert. Der Skandal erreicht ja auch nicht nur allerhöchste Kreise, indem deutlich wird, dass niemand Geringeres als ein Papst offensichtlich die Unwahrheit gesagt hat. Vielmehr dokumentiert der Bericht auch, mit welcher Skrupellosigkeit und/oder Verdrängungskunst die Akteure der Kirche Fälle sexueller Gewalt nicht nur über Jahre, sondern über Jahrzehnte systematisch vertuscht und verheimlicht haben. Was soll schon von einer Kirche übrig bleiben, wenn deren allerhöchste Vertreter sich allein um das Wohl der eigenen Organisation sorgen – und nicht willens oder in der Lage sind, sich in die Opfer hineinzuversetzen? Wenn die Kirche, ausgerechnet sie, die dem Wahren und Guten verpflichtet ist und sich stets auf der Seite der Schwachen sehen sollte, jede Empathie vermissen lässt? Man weiß es: Es bleibt nicht mehr als eine Kulisse verratener Werte, ein Gebilde, von innen ausgehöhlt, seiner moralischen Kraft beraubt. Die Folgen können verheerend sein. Was ist, wenn sich die Menschen endgültig von der Kirche abwenden? Wie reagieren all jene Laien in den Gemeinden, die ihr stets mit Idealismus und wahrem Gottvertrauen gedient haben und die sich jetzt verraten fühlen müssen, auch von ihren obersten Repräsentanten? Wenn diese Kirche wankt, ist das für die ganze Gesellschaft und deren Zusammenhalt eine schlechte Nachricht. Eben weil eine Instanz schwindet. Doch was tun? Heilen lässt sich hier nichts auf die Schnelle. Doch klar ist: Es ist vor allem an Benedikt XVI., sich zu erklären. Beten allein genügt nicht. Er wird wohl kaum Fehler eingestehen angesichts der ihm zugeschriebenen päpstlichen Unfehlbarkeit – aber eine Entschuldigung, einfühlsame Worte für die Opfer, ein Signal des Verstehens: Das wäre ein erster Schritt. Nur ist davon nichts zu hören. Die Empörung kommt am Tag danach vonseiten der Laien und der Politik. Und die Bischöfe und Kardinäle? Man möchte sie alle schütteln und sie fragen, wo der Aufschrei bleibt, der doch durch diese Kirche gehen müsste, wo das Aufbäumen? Bei einer solchen Ignoranz überrascht nicht, dass nun Rufe nach einem beherzteren Eingreifen der Justiz laut werden und sogar nach einem Entzug der Trägerschaft für Kitas. Manche Fälle legen nahe, dass der Tatvorwurf der Beihilfe zu sexuellem Missbrauch gegeben sein könnte, heißt es. Hier geht denn auch ein Vorwurf an die weltlichen Ermittler: Sie haben womöglich immer nur die einzelnen Fälle gesehen und niemals die Systematik dahinter. Wer davon profitiert hat – man ahnt es.

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