Mainz (ots) –

Er ist der verurteilte Mörder eines polnischen Innenministers. Ein radikaler Anführer. Ein Nazi-Kollaborateur. Und seine Schergen waren Anfang der vierziger Jahre an Pogromen gegen Juden und an der Ermordung Tausender polnischer Zivilisten beteiligt. Die Rede ist von Stepan Bandera. In vielen Staaten gilt er als Kriegsverbrecher. Dennoch wird der Nationalist in der Westukraine vielerorts auch heute noch als Freiheitskämpfer verehrt. Und unter anderem diese Verehrung diente Wladimir Putin als Vorwand, die Regierung in Kiew mit Nazis gleichzusetzen und das Land zu überfallen. Langer Rede kurzer Sinn: Schlimmer als Andrij Melnyk kann man als Botschafter der Ukraine gar nicht unterwegs sein. Mit der erneuten demonstrativen Unterstützung Banderas trampelt Melnyk mitten durch die Fronten des Krieges, macht es Russland leichter – und ausgerechnet den Polen schwerer, die schon mehr als drei Millionen Flüchtlinge aus der Ukraine aufgenommen haben. Weshalb nach dem Maulkorb des Außenministeriums in Kiew eigentlich nur ein weiterer Schritt logisch wäre: die Absetzung. Melnyk mag in den ersten Wochen des russischen Angriffskrieges Verdienste angesammelt haben, als er den Westen mit wahrem moralischen Furor zur Unterstützung seines Landes antrieb. Dann aber geriet er auf Abwege, etwa mit dem Leberwurst-Vorwurf an Kanzler Olaf Scholz. Melnyk spaltet die Öffentlichkeit, wo sein Land einmütige Unterstützung bräuchte. Für die Ukraine ist das ein gewaltiges Problem. Mit der Aufregung um Bandera ist für das angegriffene Land aber auch ein Auftrag verbunden: der Auftrag zur Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte.

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