Regensburg (ots) – Die Corona-Impfkampagne stottert und stottert und stottert. Was 2020 dank früher Impfstoffe und der ersten Pikse noch im Dezember nach raschem Happy End klang, hat sich zur Geschichte von Pleiten, Pech und Pannen entwickelt. Erst legte die EU mit hasenfüßigen Impfstoffordern den Grundstock für die Dauerknappheit der Vakzine, dann geriet Astrazeneca in Verruf, zuletzt brach der Wirkstoff von Curevac als wichtige Komponente weg. Soeben wird in Deutschland das nächste Kapitel voller Widrigkeiten geschrieben – ob mit gutem oder schlechtem Ausgang, ist ungewiss.Im Kern geht es darum, wie schnell die Zahl der komplett Geimpften in die Höhe getrieben werden kann, um die sehr ansteckende Delta-Variante deutlich auszubremsen. Dieses Mal limitiert allerdings nicht nur rarer Impfstoff die Möglichkeiten – oder der Sand, der beim Verteilen im Bürokratie-Getriebe steckt: Bei gut 50 Prozent Erstimpfungen in Bayern gerät langsam das Interesse der Bürger ins Stocken.Menschen, die ungeduldig auf ihre Immunisierung warten, dürfte es bis Ende Juli kaum noch geben. Zurück bleibt das leider viel zu große Heer der Impfskeptiker. Bizarre Welt: Der Wettlauf gegen die neue Delta-Mutation macht die Börse nervöser als manchen Bürger. Zu Wochenbeginn sind im deutschen Aktienhandel die Kurse von Lufthansa, Flughafenbetreiber Fraport oder Autovermieter Sixt gesunken. Gleichzeitig lässt der Run auf die Impfzentren nach. Das liegt nicht nur am Ladenhüter Astrazeneca, sondern zu oft an einer Rundum-sorglos-Mentalität. Auf portugiesischen Flughäfen spielten sich zuletzt Szenen ab, die sprachlos machen. Deutsche Urlauber reisten in Scharen vorzeitig ab – nicht um der stark grassierenden Delta-Variante zu entfliehen, sondern der Quarantäne-Pflicht, die ab diesem Dienstag bei der Einreise von Portugal nach Deutschland gilt. Es wird schon gutgehen, ist offenkundig die Devise, mit der man neben sich selbst seine Mitmenschen gefährdet, obwohl bekannt ist, wie rasend schnell sich die Delta-Mutante in anderen Ländern ausgebreitet hat. Die Sieben-Tages-Inzidenz in Großbritannien liegt wieder bei über 150.Leichtsinn ist ein mieser Ratgeber. Das gilt auch beim Impfen: Die Entscheidung muss natürlich jeder für sich selbst treffen – aber bitte nicht getrieben von Gedankenlosigkeit, sondern nach gründlichem Abwägen stichhaltiger Argumente.Doch wie offen sind Skeptiker wirklich dafür? Große Zweifel sind angebracht, angesichts kursierender Absurditäten, von denen man hofft, ein Kabarettist habe sie in einem schrägen Moment in die Welt geschickt. Man würde lieber nicht wahrhaben, dass sich ausgerechnet Verschwörungstheoretiker, in deren Orbit oft auch kein Platz für Masken ist, dann lieber doch mit Masken gegen Geimpfte schützen, damit nichts überspringt.Auf welch fruchtbaren Boden Blödsinn aller Art fällt, wird sich am Erfolg oder Scheitern der bayerischen Aufklärungsoffensive „Ich tu’s für…“ ablesen lassen. Promis wie Fußballer Leroy Sané werben dafür. Wobei der Slogan schlecht ist: Wer es tut, tut es für sich selbst. Er ist in jeder Weise Hauptprofiteur, erspart sich im Zweifel eine Corona-Erkrankung mit schwerstem Verlauf und obendrein die Schuldgefühle, andere in Gefahr manövriert zu haben.Aufklärungskampagnen bleiben eine Gratwanderung: Es geht nicht ums Missionieren, sondern ums Überzeugen. Wer sich aus nachvollziehbaren Gründen gegen das Impfen entscheidet, muss respektiert werden. Das trifft auf Eltern zu, die für ihre Kinder zu einer anderen Kosten-Nutzen-Rechnung kommen. Das gilt auch sonst für Menschen mit faktisch kleinem Risiko. Doch niemand sollte sich täuschen: Abseits von Einödhöfen ist das selten der Fall.

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