Mainz (ots) –

Man mag sich mit dem Kriegsverlauf in der Ukraine gar nicht mehr so recht befassen. Haben Sie sich auch schon bei diesem Gedanken ertappt? Das Bedürfnis ist verständlich, eine gute Idee ist es aber nicht. Im Gegenteil, denn es bleibt dabei: Alles, was in der Ukraine passiert, betrifft auch unmittelbar uns. Und nicht nur die explodierenden Energiepreise und Lebenshaltungskosten, die in das Zentrum unserer Betrachtung und des politischen Streits gerückt sind. Noch immer gilt, dass die Ukrainer auch für die Verteidigung unserer Freiheit kämpfen, leiden und sterben. Und jede Veränderung des Kriegsgeschehens hat unmittelbaren Einfluss auf unsere Sicherheit. Auf der Habenseite steht, dass die russische Armee wieder stärker in die Defensive gerät. Die Vernichtung einer Kampfflugzeugstaffel auf der Krim und der jüngste Anschlag auf ein dortiges Munitionsdepot zeigen, dass Russland die Sicherheit der Krim nur noch begrenzt gewährleisten kann. Erstmals melden sich kremltreue Analysten zu Wort, die ziemlich schonungslos das Bild eines überforderten Aggressors zeichnen. Das Bild einer völlig veralteten Waffentechnik in Armee und Luftwaffe, die den modernen Waffen- und Munitionsbeständen aus den Depots der Nato unterlegen sind. Das Bild einer Armee, die wegen des politisch motivierten Verzichts auf eine Generalmobilmachung zu wenige Soldaten im Einsatz hat, um wieder in die Offensive zu geraten und einen langen Frontverlauf wirkungsvoll kontrollieren zu können. Unter Militärexperten gilt zudem als ausgemacht, dass sich die geschwächte Schwarzmeerflotte inzwischen auf den Schutz der Krim konzentrieren muss und eine Invasion Odessas nicht mehr möglich erscheint. So erfreulich es ist, dass Putin und seine verbrecherischen Kommandeure an deutlichere Grenzen stoßen, als sich dies aus den täglichen Frontberichten herauslesen lässt: Genau diese Lage birgt die Gefahr einer erneuten Eskalation. Nachdem man zwischenzeitlich den Eindruck haben konnte, das atomare Säbelrasseln Russlands sei eben nur ein solches, müssen die Vorkommnisse im russisch besetzten Kernkraftwerk Saporischschja beunruhigen. Was, wenn Putin doch mit einer Art zweitem Tschernobyl spielen sollte, das den verhassten Westen von einem Tag auf den anderen auf eine ganz andere Art für seine Unterstützung der Ukraine bezahlen ließe? Dass ein schmutziger Atomunfall – „aus Versehen“ oder dem Gegner in die Schuhe geschoben – immer auch russisches Hoheitsgebiet und vor allem die Krim verseuchen würde, scheint jedenfalls keine absolute Versicherung gegen einen Irrsinnsbefehl zu sein. Diese Bedrohung zeigt ein Zweites: Wir dürfen den Krieg nicht nur nicht aus den Augen verlieren. Über seinen Fortgang und auch über die Chancen, ihn zu beenden, wird am Ende nicht allein die Ukraine entscheiden können. Natürlich ist nicht außer Kraft gesetzt, dass die Ukraine Kriegsteilnehmer ist und nicht Europa, nicht die Nato und auch nicht die USA – und dass das unbedingt so bleiben muss. Es geht auch nicht darum, den Überlebenskampf der Ukraine und den um ihre Freiheit durch einen Diktatfrieden zu unterlaufen. Gleichwohl bleibt der Fortgang des Krieges entscheidend vom Fortgang der Waffenlieferungen durch die Nato-Staaten abhängig. Und nicht nur deshalb wird die Ukraine zur Stunde X nur gemeinsam mit dem Westen entscheiden können, unter welchen Bedingungen der Krieg beendet werden kann. Man darf annehmen, dass über diese grundsätzliche Frage hinter den Kulissen gesprochen wird – auch wenn sie für die Öffentlichkeit eine Debatte zur Unzeit wäre. Was man nur hoffen kann: Dass sich Europa darauf vorbereitet, diese schwierigen Abstimmungen am Tag X nicht nur der Ukraine und ihrer militärischen Schutzmacht, den USA, zu überlassen.

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