Freitagnacht hat Blue Origin seine einzige Startrampe für die New Glenn verloren. Bei einem Triebwerksstandtest auf der LC-36A in Cape Canaveral explodierte die Anlage — Wiederaufbau frühestens nach zwölf Monaten, Sachschaden im dreistelligen Millionenbereich. Was auf den ersten Blick wie ein internes Blue-Origin-Problem aussieht, trifft mitten in die kritischste Phase des amerikanischen Mondprogramms.
Eine Anlage, kein Backup
Das Ausmaß tritt erst beim genauen Hinsehen hervor. Die LC-36A war Blue Origins einzige operative Startanlage für die New-Glenn-Klasse, eine zweite Rampe existiert nicht. Branchenbeobachter rechnen mit mindestens zwölf Monaten Wiederaufbau, realistisch eher mehr.
Damit ist Blue Origin für absehbare Zeit aus dem US-Schwerlastmarkt heraus. ULAs Vulcan Centaur liegt aus technischen Gründen ebenfalls am Boden. SpaceX ist mit der Falcon Heavy derzeit der einzige Anbieter, der in dieser Gewichtsklasse operativ fliegt — ausgerechnet während Starship, SpaceX‘ Schwersttransporter der nächsten Generation, nach einem Testflug-Vorfall unter FAA-Auflagen steht.
Artemis 2028: Der Zeitplan hatte keinen Puffer
NASA hatte für 2026 einen Andocktest im Erdorbit geplant: Die Orion-Kapsel sollte testweise an die Mondlander beider HLS-Auftragnehmer andocken — an SpaceX‘ System für Artemis 3 und an Blue Origins Lander für spätere Missionen. Dieser Test ist ohne eine flugbereite New Glenn im gesetzten Zeitrahmen nicht durchführbar.
Die Behörde steht vor keiner angenehmen Wahl. Den Test verschieben bedeutet, das ohnehin knappe Zeitfenster bis 2028 weiter zusammenzudrücken. Mit nur einem Auftragnehmer weiterzumachen — ausgerechnet mit dem, der zugleich der kommerziell dominante Akteur im Programm ist — schafft genau die Abhängigkeit, die das HLS-Programm durch die Dual-Contractor-Strategie hatte vermeiden sollen.
Das Klumpenrisiko, das keins sein sollte
NASA hat das HLS-Programm bewusst auf zwei Auftragnehmer verteilt: SpaceX und Blue Origin parallel. Das Prinzip ist richtig. Nur hilft Zweit-Anbieter-Redundanz wenig, wenn beide Systeme gleichzeitig in kritischen Entwicklungsphasen stecken und dieselben Engpässe teilen — knappes Testfenster, politischer Druck, infrastrukturelle Unreife.
Das kenne ich aus IT-Projekten: Redundanz, die auf dem Papier sauber aussieht, aber beim genauen Hinsehen denselben Single Point of Failure teilt — zwei Server an derselben USV, zwei Pfade durch denselben Switch. NASA hat ein ähnliches Problem, nur mit mehr Budget und mehr politischem Erwartungsdruck.
Ob das Zieldatum 2028 hält, war zuletzt ohnehin keine sichere Aussage mehr. NASA hatte es als Zielvorgabe kommuniziert, nicht als Garantie. Jetzt ist es noch unsicherer. Technische Rückschläge gehören zur Raumfahrt — das ist keine Überraschung. Das Eingestehen eines realistischeren Zeitplans fällt Raumfahrtbehörden und Regierungen traditionell schwerer als die technischen Probleme selbst.



