NCSoft, der südkoreanische Spielekonzern hinter Lineage und Guild Wars, übernimmt 70 Prozent des Berliner Casual-Mobile-Studios JustPlay für 202 Millionen US-Dollar. Ein Deal, der zeigt, wo traditionelle Online-Rollenspiel-Publisher gerade Wachstum suchen — und dass Berlin im Mobile-Gaming-Markt längst keine Randnotiz mehr ist.
Die Zahlen, die den Preis erklären
JustPlay wurde 2020 in Berlin gegründet, von drei ehemaligen Führungskräften des US-Werbetechnologie-Konzerns AppLovin: Tobias Hann, Marcel Kallenbach und Benjamin Navarro. Sechs Jahre später umfasst das Portfolio über 40 Casual-Titel — Solitaire-Varianten, Match-3-Spiele, Wortspiele. Nichts, das auf Gaming-Messen für Aufsehen sorgt, aber ein Segment, das verlässlich Geld verdient.
Die kommunizierten Kennzahlen: 2025 erwirtschaftete JustPlay 172,8 Millionen Dollar Umsatz bei 19,1 Millionen Dollar operativem Gewinn. Für 2026 wird ein Umsatzwachstum von 88 Prozent prognostiziert. Auf dieser Basis zahlt NCSoft für 70 Prozent umgerechnet eine implizite Gesamtbewertung von rund 288 Millionen Dollar — beim angesetzten Wachstumstempo noch nachvollziehbar, aber nur, wenn die Prognose stimmt. Geografisch kommt der Löwenanteil aus Nordamerika: 70 Prozent der Einnahmen aus dem US-Markt.
NCSoft wechselt die Spur
NCSoft ist groß geworden mit komplexen Online-Rollenspielen: Lineage, Aion, Guild Wars. Eine loyale, aber schrumpfende Spielerbasis — der klassische PC-MMO-Markt stagniert seit Jahren, neue Zielgruppen erschließt man damit kaum noch. Die Logik hinter der Akquisition ist transparent: Casual Mobile skaliert breiter, hat niedrigere Einstiegshürden und höheres Monetarisierungspotenzial über In-App-Käufe.
Was NCSoft einbringt: globale Vertriebsinfrastruktur, Kapital für User Acquisition und möglicherweise IP-Nutzung aus dem eigenen Portfolio. Was JustPlay liefert: erprobte Casual-Mechaniken, ein eingespieltes Team und laufende Einnahmen — kein Proof-of-Concept, sondern ein funktionierendes Geschäftsmodell mit nachweisbaren Zahlen.
Den Integrationstest müssen sie allerdings noch bestehen. Ob und zu welchen Bedingungen die drei Gründer an Bord bleiben, hat NCSoft bislang nicht kommuniziert — bei einem 202-Millionen-Dollar-Deal eigentlich die interessantere Frage als der Kaufpreis selbst.
Was der Deal über den Markt sagt
NCSoft ist nicht das erste Unternehmen, das über Akquisitionen in den Casual-Mobile-Markt einsteigt statt organisch zu wachsen. Das Muster ist verbreitet: Ein etablierter Publisher aus dem PC- oder Konsolenbereich kauft ein laufendes Casual-Studio ein, anstatt Jahre zu investieren, eine eigene Kompetenz aufzubauen. AppLovin selbst — der frühere Arbeitgeber der JustPlay-Gründer — hat einen Teil seiner Wachstumsstrategie auf ähnlichen Transaktionen aufgebaut.
Berlin ist dabei kein Zufall. Die Stadt hat sich als Standort für Mobile-Gaming-Studios etabliert — erreichbare Entwickler, eine gewachsene Spieleszene und eine Investoreninfrastruktur, die solche Transaktionen erst ermöglicht.
Mich überzeugt der Kaufpreis nur bedingt. 88 Prozent Umsatzwachstum in einem Jahr ist eine große Ansage, und der Casual-Markt bestraft enttäuschte Erwartungen schnell — Nutzerbindung ist teuer, Trends kippen. Strategisch macht der Schritt Sinn; ob er sich rechnet, ist eine andere Rechnung.


