Auf der Build-Konferenz hat Microsoft seinen neuen Quantenchip Majorana 2 vorgestellt – mit Qubit-Lebenszeiten von 20 Sekunden und dem Ziel eines praxistauglichen Quantencomputers bis 2029. Das klingt nach einem substanziellen Schritt, und der technische Ansatz unterscheidet sich grundlegend von dem, was IBM und Google betreiben. Nur hat Microsoft in diesem Forschungsfeld bereits einmal einen Meilenstein verkündet, der sich als nicht haltbar erwiesen hat.
Topologische Qubits: ein anderer Weg als IBM und Google
Supraleitende Transmon-Qubits – der Standard bei IBM und Google – haben ein fundamentales Problem: Dekohärenz. Das Kippen des Quantenzustands durch äußere Störeinflüsse begrenzt die Lebenszeit auf Millisekunden bis bestenfalls wenige Sekunden. IBM arbeitet seit Jahren an immer größeren Chip-Generationen und Fehlerkorrekturmechanismen; Google hat mit seinem Willow-Chip Ende 2024 erneut Quantenüberlegenheits-Claims aufgestellt.
Microsoft verfolgt einen anderen Weg. Topologische Qubits, die auf Majorana-Fermionen basieren, sollen strukturell robuster gegen Störeinflüsse sein – nicht durch bessere Fehlerkorrektur, sondern durch die physikalische Natur des Zustands selbst. Beim Majorana 2 hat Microsoft das Materialsystem überarbeitet: Blei statt Aluminium als Supraleiter, ein Halbleitergebiet aus Indiumarsenid-Antimonid-Mischungen. Die topologische Schutzlücke soll sich laut Microsoft mehr als verdoppelt haben. Gemessene Qubit-Lebenszeiten: 20 Sekunden, vereinzelt bis eine Minute. IBMs beste Transmon-Chips liegen im Millisekundenbereich.

Das Glaubwürdigkeitsproblem nach dem zurückgezogenen Paper
Bis hierher: beeindruckende Zahlen, plausible Physik. Die Einschränkung kommt mit der Forschungsgeschichte. Ein 2018 in Nature veröffentlichtes Microsoft-Paper, das den Nachweis von Majorana-Zuständen belegte, wurde 2021 zurückgezogen – wegen unzureichender Datenanalyse. Seitdem zweifelt ein Teil der Fachgemeinschaft daran, ob die von Microsoft gemessenen Signale wirklich topologische Quantenzustände belegen oder sich konventioneller erklären lassen.
Bei mir läuft das Prinzip: Wer nach einem solchen Rückzug mit neuen Zahlen kommt, braucht mehr als DARPA-Beteiligung als Beleg. Das DARPA-Quantenbenchmarking-Programm, auf das Microsoft als externe Validierung verweist, zeigt ernsthafte Forschungsaktivität – ersetzt aber keine unabhängige Peer-Review-Publikation. Ob die 20-Sekunden-Lebenszeiten wirklich aus echten topologischen Majorana-Zuständen resultieren, ist wissenschaftlich offen.
Auch der Einsatz von Microsofts hauseigenem Discovery-KI-System – das Messungen automatisierte und Fertigungsprozesse optimierte – ändert an dieser Grundfrage nichts.
2029 und der eigentliche Wettbewerb
Für KMU-Betriebe wie die, die ich betreue, ist Quantencomputing auf absehbare Zeit kein Alltagsthema. Was den Markt trotzdem bewegt: Microsoft Azure, AWS und Google Cloud kämpfen um Enterprise-Workloads, für die echte Quantenrechenkapazität relevant werden könnte – Pharma-Simulation, Logistik-Optimierung, Kryptografie. Google hat mit Willow Claims gesetzt, IBM skaliert regelmäßig. Das 2029-Ziel ist kein neutrales Forschungsdatum, sondern ein Markt-Statement gegenüber der Konkurrenz.
Ob Microsoft es einlöst, hängt von einer Frage ab, die keine Produktmanager, sondern Physiker beantworten: Sind diese Majorana-Zustände real und stabil genug? Unabhängige Peer-Review-Publikationen wären der nächste notwendige Schritt – nicht als bürokratische Hürde, sondern als eigentlicher Substanznachweis hinter der Ankündigung.


