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FlagLeft: Ein vergessenes Debug-Flag öffnete Microsoft-365-Apps auf Android für Token-Diebstahl

Ein vergessenes Debug-Flag in einem gemeinsamen Microsoft-SDK deaktivierte den FOCI-Token-Schutz in sechs Android-Apps — von Word bis Copilot. Jede lokale App konnte ohne Passwort auf E-Mails, Dateien und Kalender zugreifen. Patches stehen seit dem 12. Mai 2026 bereit.

Sicherheitslücke in Microsoft 365 Android-Apps — symbolisch für den FlagLeft-Debug-Flag-Exploit

Eine einzige Codezeile, die nie in einen Release-Build gehört hätte: setIsDebugMode(true) in einem gemeinsamen Microsoft-SDK setzte den Schutzmechanismus außer Kraft, der verhindert, dass fremde Apps an FOCI-Refresh-Tokens gelangen. Das Ergebnis — Word, Excel, PowerPoint, Microsoft 365 Copilot, Loop und OneNote für Android gaben ihre Token an jede beliebige andere App auf dem Gerät weiter, ohne Passwort, ohne Berechtigungs-Dialog. Die Sicherheitsforscher Yanir Tsarimi und Ofek Levin von Enclave haben die Schwachstellen als „FlagLeft“ veröffentlicht; Microsoft hat am 12. Mai 2026 gepatcht.

Was mit FOCI-Tokens möglich ist — und warum das kein theoretisches Risiko ist

FOCI steht für Family of Client IDs, Microsofts internem Mechanismus, der eigene Android-Apps Token untereinander teilen lässt, ohne jede App separat authentifizieren zu müssen. Praktisch für den Nutzer, solange ausschließlich echte Microsoft-Apps Tokens anfordern können. Das Debug-Flag setzte diese Überprüfung aus.

Tsarimi und Levin demonstrierten einen funktionierenden Proof-of-Concept: Eine nicht autorisierte Drittanbieter-App forderte die FOCI-Refresh-Tokens des angemeldeten Nutzers an — und bekam sie. Kein Passwort, kein Dialog, keine Nutzerinteraktion. Mit diesen langlebigen Tokens lassen sich Exchange-E-Mails lesen, SharePoint-Dateien abrufen, Kalendereinträge einsehen, Teams-Nachrichten abfragen.

Für alle, die M365 auf Mitarbeiter-Privatgeräten oder unmanaged Android-Telefonen freigeben: Das ist genau das Szenario, das MDM-Tools nicht zuverlässig abdecken. Ein Side-Load, ein Browser-Exploit oder eine manipulierte App aus einem inoffiziellen Store — und die M365-Token lagen offen.

Vier CVEs wurden am 12. Mai ausgestellt: CVE-2026-41100 (Copilot, CVSS 4.4), CVE-2026-41101 (Word, CVSS 7.1), CVE-2026-41102 (PowerPoint, CVSS 7.1) und CVE-2026-42832 (Excel, CVSS 7.7). Loop und OneNote sind ebenfalls gepatcht, bekamen keine separaten CVEs. Maßgebliche Versionsnummer für Word: Build 16.0.19822.20190 oder neuer.

Microsofts Klassifizierung und was davon zu halten ist

Microsoft hat die Lücken als „local spoofing flaws requiring pre-existing malware“ eingestuft — technisch korrekt, im Ton aber verharmlosend. Eine bereits installierte Schad-App ist kein unüberwindliches Einstiegs-Szenario. Wer mit Unternehmens-Konto auf dem Privatgerät arbeitet, hat statistisch Software aus Quellen außerhalb des Play Store. Die Lücke erfordert keinen Remote-Exploit — aber ein Angreifer, der es erst einmal auf das Gerät geschafft hatte, fand damit einen ungehinderten Weg zu allen M365-Daten.

Dass setIsDebugMode(true) überhaupt in sechs Production-Apps landen konnte — alle aus demselben SDK — wirft Fragen ans interne Code-Review auf. Wann das Flag ursprünglich gesetzt wurde, ist laut Enclave-Bericht nicht dokumentiert.

Wer M365 für Android auf Firmengeräten verwaltet, prüft am besten heute den Update-Stand — Word-Build 16.0.19822.20190 als Referenzmarke. Microsofts CVSS-4.4-Bewertung für Copilot passt zum Muster, mit dem Redmond Sicherheitsprobleme in eigenen Cloud-Diensten gerne kleiner rechnet als die Fachcommunity. Excel mit 7.7 ist ehrlicher — aber sechs Apps, ein SDK, ein vergessenes Flag: das soll ein „minor issue“ sein?

◆ Über den Autor

Alexander Baumgärtner

Seit über 20 Jahren in der IT — mit allem, was dazugehört: abgestürzten Servern um zwei Uhr nachts, Migrationen, die laut Plan eine Stunde dauern sollten, und Kunden, die "schnell mal" eine neue Software brauchen. Hauptberuflich führe ich die ProMedia24, eine kleine IT-Firma in Wallenhorst bei Osnabrück. Auf Blogspan.net schreibe ich über IT-Themen, die mich interessieren oder wo ich glaube, dass jemand genauer hinschauen sollte: Server, Cloud, Sicherheit, KI, Hardware, gelegentlich auch Foto-Equipment oder Smarthome — wenn es technisch genug ist, landet es hier. Schreibstil: lieber konkret als geschwurbelt, gerne auch mal kritisch.