Frechen (ots) –

Para Speerwerferin Lise Petersen hat sich in diesem Jahr deutlich gesteigert und steht bei der Para Leichtathletik-Weltmeisterschaft im japanischen Kobe mit 18 Jahren vor ihrem dritten großen internationalen Highlight (17. bis 25. Mai). Ihr Ziel: die Paralympics in Paris. Dafür geht sie eine Fernbeziehung mit ihrer Trainerin ein und erhält Tipps von einer olympischen Speerwurf-Weltmeisterin.

Juli 2021: Drei Wochen nach ihrem 16. Geburtstag wollte Lise Petersen nur die Nominierung für die Paralympischen Spiele in Tokio im Livestream verfolgen, um zu schauen, ob ihre Freundin, die Rennrollstuhlfahrerin Merle Menje, nominiert worden war. Plötzlich stand auf der zweiten Seite ihr eigener Name und Petersen – das zeigt ein Instagram-Video – blickte zunächst ungläubig drein und begann dann zu weinen. „Das war mega emotional, ich konnte das gar nicht realisieren“, sagt die damals jüngste Athletin des Team Deutschland Paralympics, „es war eine Riesen-Ehre und eine Riesen-Erfahrung im Nachhinein“.

Steigerung der persönlichen Bestweite auf 37,46 Meter im Februar

Mit 32,46 Metern wurde sie in Tokio Siebte, im vergangenen Jahr warf sie bei der WM in Paris 33,17 Meter und belegte Rang acht. In dieser Saison verbesserte sich die mittlerweile 18-Jährige im Februar in den Vereinigten Arabischen Emiraten weiter, warf 34,12 Meter zum Auftakt in Sharjah, 36,51 Meter in Khorfakkan und zum Abschluss 37,46 Meter in Dubai – persönliche Bestweite. Bei der WM-Generalprobe in Leverkusen zeigte sie mit 36,73 und ihrem zweitbesten Wettkampf überhaupt ihre neue Sicherheit. „Ich möchte bei der WM hauptsächlich bestätigen, was ich in dieser Saison schon hinbekommen habe“, sagt sie mit Blick auf ihren Wettkampf direkt am Eröffnungstag, dem 17. Mai: „Konstanz zeigen – und wenn einer rausrutscht, wäre das ein Träumchen.“

Zur Paralympics-Norm von 39,67 Meter fehlen ihr noch 2,21 Meter. Dennoch darf sich die Studentin der Gesundheitswissenschaften Hoffnungen machen, in Paris dabei zu sein. Die Perspektive spricht für sie und zudem haben bislang erst drei deutsche Athletinnen die Qualifikation erbracht, was im komplexen System der Nationen-Startplätze auch nicht unwichtig ist. „Ich hoffe sehr, dass ich mit nach Paris darf, das wäre eine ganz andere Nummer als Tokio“, sagt Petersen, „ich habe zwar meine ersten Paralympics erlebt, aber die richtige Erfahrung mit vollem Stadion und vielen Leuten, die einen anfeuern, habe ich coronabedingt noch nicht gemacht. Wir hatten kein Deutsches Haus, meine Familie konnte nicht dabei sein – all diese Dinge will ich in Paris zu gerne nachholen.“

Mit 14 Jahren Junioren-Weltmeisterin

Dafür nimmt die in Heide in Schleswig-Holstein geborene Athletin, die in ihrer Freizeit auch gerne surft, viele Anstrengungen in Kauf: Schon mit 14 Jahren wechselte sie als frisch gebackene Junioren-Weltmeisterin im Speerwurf zum TSV Bayer 04 Leverkusen und führte fortan eine Fernbeziehung mit ihrer Trainerin Sara Grädtke. „Mit Sara habe ich die Person gefunden, die ich im Para Sport brauchte, um Fuß zu fassen. Gerade weil es in Schleswig-Holstein in der Para Leichtathletik niemanden gab, war das sehr wichtig für mich.“

Nach ihrem Abitur im vergangenen Jahr lebt sie mittlerweile studienbedingt in Hamburg und hat beim HSV eine „coole Trainingsgruppe“ gefunden, ihr dortiger Coach Michael Schild steht in regem Austausch mit ihrer Leverkusener Trainerin. Diese „Fernbeziehung“, wie Petersen es nennt, „funktioniert gerade super. Nach einem langen Uni-Tag motiviert es mich extrem, als Ausgleich am Abend noch Training zu haben. Ich freue mich dann, meinen Trainer zu sehen und mit ihm daran zu arbeiten, voranzukommen im Speerwerfen. Ich will natürlich immer höher, immer weiter und irgendwann ganz oben stehen, das ist zumindest der Plan.“

Speerwurf-Ikone Steffi Nerius als „Mentorin“

Eine wichtige Komponente in diesem Vorhaben ist auch Steffi Nerius, die als Speerwerferin 2004 Olympia-Silber gewann, zwei Jahre später Europameisterin und 2009 Weltmeisterin wurde. Mittlerweile leitet sie in Leverkusen das Sportinternat und trainiert Weitsprung-Weltrekordhalter Markus Rehm seit Beginn seiner Karriere mit großem Erfolg. Im Alter von acht Jahren traf Petersen – bereits damals als Handballerin wurfbegeistert – ihr Idol bei einer deutschen Meisterschaft in der Para Leichtathletik. „Da musste ich ein Bild mit ihr machen, weil ich schon immer Fan von ihr und vom Speerwerfen generell begeistert war. Zu sehen, wie sie den Speer rausgeschleudert hat, war und ist unglaublich.“ Bei internationalen Wettkämpfen und beispielsweise bei Trainingslagern in Leverkusen wird Petersen von Nerius betreut: „Ich bin ihr sehr dankbar, dass sie sich immer wieder bereit erklärt. Sie steht mir mit Insider-Tipps zur Seite, unterstützt mich auch vom Kopf her – das ist sehr wertvoll für mich. Steffi ist für mich wie eine Mentorin, weil sie so erfolgreich war und ich als Kind schon zu ihr hochgesehen habe.“

Rückendeckung gibt ihr auch die Gewissheit, beim TSV Bayer 04 Leverkusen erfahrene Athletinnen und Athleten um sich herum zu haben. „Die haben mich in Tokio alle gut aufgenommen. In Paris im vergangenen Jahr bei der WM konnte ich dann meine Erfahrungen schon weitergeben, weil ich nicht mehr die Jüngste war, das war eine coole Perspektive“, sagt Petersen, der von Geburt an der linke Unterarm fehlt: „Jule Roß und Kim Vaske haben die gleiche Behinderung wie ich, da waren wir immer eine kleine Gang. Auch mit Nele Moos verstehe ich mich gut. Dass ich im Para Sport gleichaltrige Kontakte habe und dass es, wenn ich nach Leverkusen komme, so ist, als wäre ich nie weg gewesen – das ist extrem viel wert.“

Text: Nico Feißt / DBS

Hier geht’s zum WM-Vorbericht.

Weitere Informationen und Ergebnisse gibt es auf der Veranstaltungs-Webseite.

Der deutsche Kader für die Para Leichtathletik-WM (Alter, Geburtsort, Verein, Startklasse):

Lindy Ave (25 / Neubrandenburg / Leichtathletik inklusiv Greifswald / T38), Noah Bodelier (20 / Erkelenz / TSV Bayer 04 Leverkusen / T/F64), Yannis Fischer (22 / Singen (Hohentwiel) / VfB Stuttgart / F40), Johannes Floors (29 / Bissendorf / TSV Bayer 04 Leverkusen / T62), Isabelle Foerder (44 / Zwickau / HSC Erfurt / T35), Niko Kappel (29 / Schwäbisch-Gmünd / VfB Stuttgart / F41), Charleen Kosche (23 / Rheinfelden (Baden) / BPRSV Cottbus / F34), Ali Lacin (36 / Berlin / PSC Berlin / T61), Lisa Martin Wagner (31 / Bielefeld / MuWiS – Sportvielfalt Bad Oeynhausen / F44), Max Marzillier (22 / Rüdersdorf / SSV Blindenschule Königs Wusterhausen / T13), Merle Menje (19 / Mainz / StTV Singen / T54/LW11), Lise Petersen (18 / Heide / TSV Bayer 04 Leverkusen / F46), Markus Rehm (35 / Göppingen / TSV Bayer 04 Leverkusen / T64), Jule Roß (17 / Bergisch Gladbach / TSV Bayer 04 Leverkusen), Léon Schäfer (26 / Burgwedel / TSV Bayer 04 Leverkusen / T63), Mathias Schulze (38 / Magdeburg / BPRSV Cottbus / F46), Andreas Walser (28 / Augsburg / TSV Schwaben Augsburg /LG Augsburg / T12), Martina Willing (64 / Pasewalk / BPRSV Cottbus / F56)

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