Künstliche Intelligenz 2 Min. Lesezeit

36 Prozent ohne jeden Beleg: Studie seziert die Klimaversprechen der KI-Branche

Zwei NGOs haben 154 Klimaaussagen der Tech-Branche analysiert — 36 Prozent davon waren komplett unbelegt. Das eigentliche Problem: Konzerne verkaufen den Klimanutzen herkömmlicher KI als Argument für energiehungrige Sprachmodelle.

Server-Racks in einem modernen Rechenzentrum als Symbol für den Energiehunger großer KI-Sprachmodelle

Was steckt hinter den Klimaversprechen, mit denen Tech-Konzerne ihre KI-Produkte vermarkten? Die NGOs AlgorithmWatch und Beyond Fossil Fuels haben genau das untersucht: 154 öffentliche Behauptungen großer Unternehmen zur Klimawirkung ihrer KI-Systeme auf den Prüfstand gestellt. Das Ergebnis ist eindeutig. Nur 26 Prozent der Aussagen basieren auf veröffentlichten wissenschaftlichen Studien — 36 Prozent kommen ganz ohne Belege aus.

154 Aussagen, 36 Prozent Luft

Die Datenlage ist dabei nicht zufällig so schwach. Von den 154 analysierten Behauptungen hatten 26 Prozent eine Peer-Review-Publikation als Fundament. Mehr als ein Drittel stützte sich auf rein gar nichts — keine externe Messung, keine unabhängige Studie, keine belastbare Validierung. Was den Rest ausmacht: Verweise auf unternehmenseigene Berichte und hauseigene Whitepapers.

Das macht aus den Zahlen allein schon ein Problem. Aber der eigentliche Mechanismus dahinter ist subtiler. Traditionelle KI-Anwendungen — Routenoptimierung, Energienetzsteuerung, Wettervorhersage — zeigen in manchen Studien tatsächlich messbare Effizienzgewinne. Genau diesen dokumentierten Nutzen setzen Konzerne wie Google und Microsoft als Argument ein, wenn sie energiehungrige Sprachmodelle rechtfertigen. Für generative KI — ChatGPT, Copilot, Gemini — existiert laut der Analyse kein Nachweis substanzieller Treibhausgaseinsparungen. Julian Bothe von AlgorithmWatch benennt es direkt: Diese Modelle verursachen Emissionen in der Größenordnung ganzer Länder, ohne einen messbaren Klimavorteil zu liefern.

„Grüne KI“ — die Folie, die ich aus Kundengesprächen kenne

In Präsentationen bei Kunden taucht das Argument seit etwa zwei Jahren verlässlich auf. Anbieter bringen KI-Lösungen mit Effizienz- und Nachhaltigkeitsversprechen, Belege auf Nachfrage sind meistens unternehmenseigene Whitepapers. Ich habe mir angewöhnt, direkt nach unabhängigen Messungen zu fragen — und selten eine befriedigende Antwort bekommen.

Was die NGO-Studie jetzt bestätigt: Das ist kein Ausrutscher einzelner Marketingabteilungen, sondern Branchenstandard. Wer generative KI mit Klimaargumenten rechtfertigt, tut das auf schwachem Datenfundament — und weiß das mit hoher Wahrscheinlichkeit auch.

EU-Regulierung zu Transparenzpflichten bei Energieverbrauch und Wassernutzung großer KI-Rechenzentren ist im Gespräch, aber noch nicht verbindlich. Solange das so bleibt, sind Folien über „grüne KI“ für Hersteller deutlich günstiger als echte unabhängige Messungen. Google und Microsoft haben sich zur Studie bislang nicht geäußert. Der nächste Keynote-Slide über KI und Klimaschutz kommt trotzdem.

◆ Über den Autor

Alexander Baumgärtner

Seit über 20 Jahren in der IT — mit allem, was dazugehört: abgestürzten Servern um zwei Uhr nachts, Migrationen, die laut Plan eine Stunde dauern sollten, und Kunden, die "schnell mal" eine neue Software brauchen. Hauptberuflich führe ich die ProMedia24, eine kleine IT-Firma in Wallenhorst bei Osnabrück. Auf Blogspan.net schreibe ich über IT-Themen, die mich interessieren oder wo ich glaube, dass jemand genauer hinschauen sollte: Server, Cloud, Sicherheit, KI, Hardware, gelegentlich auch Foto-Equipment oder Smarthome — wenn es technisch genug ist, landet es hier.Schreibstil: lieber konkret als geschwurbelt, gerne auch mal kritisch.