Pavel Zhovner, Mitgründer von Flipper Devices, hat sich für die Ankündigung seines neuen Geräts einen ungewöhnlichen Ton zugelegt — er räumt offen ein, dass er vor dem Projekt Angst hat. Das steht so im offiziellen Blogpost zum Flipper One, und es ist nicht der Sound, an den man sich bei Hardware-Launches gewöhnt hat. Was dort vorgestellt wird, ist allerdings auch kein Nachfolger des Flipper Zero, sondern ein komplett anderes Produkt: ein offenes Linux-Cyberdeck im Hosentaschenformat. Geplanter Preis: rund 350 US-Dollar. Geplanter Marktstart: irgendwann.
Zwei Prozessoren, ein Konzept
Im Inneren stecken zwei CPUs. Den Hauptpart übernimmt ein 8-Kern-SoC vom Typ Rockchip RK3576 mit Mali-G52-GPU, NPU und 8 GB RAM. Daneben sitzt ein RP2350 — der gleiche Mikrocontroller, der auch im Raspberry Pi Pico 2 läuft. Er kümmert sich um Display, Buttons, Touchpad, LEDs und das Power-Management. Der Clou: Linux kann komplett aus sein, und das Gerät reagiert trotzdem. Wer schon mal einen Raspberry Pi als unhandlichen Travel-Router benutzt hat, weiß, warum das ein Unterschied ist — auf einem klassischen SBC ist ohne laufendes Linux einfach gar nichts.
Bedient wird der Flipper One mit Steuerkreuz und ein paar programmierbaren Tasten. Eine Maus gibt es nicht. Die Idee dahinter: was den Flipper Zero attraktiv gemacht hat, war nicht die Hardware, sondern das eigens für kleine Displays gebaute UI. Genau das wollen die Macher diesmal auch hinbekommen — mit einem eigenen Framework namens FlipCTL.
Netzwerk-Multitool mit modularem Innenleben
Konnektivität ist der eigentliche Schwerpunkt des Geräts. Zwei Gigabit-Ethernet-Ports, Wi-Fi 6E auf MediaTek-MT7921AUN-Basis (dem Chip aus dem bekannten Alfa AWUS036AXML), bis zu 5 Gbps USB-Ethernet über USB-C, plus optional 5G via M.2-Steckmodul mit physischer Nano-SIM oder eSIM. Vier SMA-Anschlüsse für externe Antennen sitzen auf der Rückseite. HDMI 2.1 für 4K bei 120 Hz ist ebenfalls dabei, und zwar als Vollformat-Stecker — Mini- oder Micro-HDMI haben die Macher absichtlich vermieden.
Der M.2-Steckplatz ist Key-B und kombiniert PCIe 2.1, USB 3.1, USB 2.0, SATA3, Serial Audio, UART, I²C und einen SIM-Slot in einem Port. Wer in den letzten Jahren versucht hat, an einen Raspberry Pi vernünftige Erweiterungen zu schrauben, kennt das Problem: M.2 heißt formal nicht viel, und welcher Bus tatsächlich auf welchen Pins liegt, ist eine Wundertüte. Flipper Devices hat hier offenbar versucht, möglichst viel auf einen Slot zu legen.

Linux, aber ohne die üblichen Kompromisse
Der ambitionierteste Teil der Ankündigung ist nicht die Hardware, sondern das Software-Versprechen. Flipper Devices hat sich für die RK3576-Mainline-Unterstützung Collabora als Partner geholt — die haben das auch beim RK3588 schon gemacht. Ziel: man lädt den Kernel direkt von kernel.org herunter und kann ihn auf dem Flipper One booten, ohne Vendor-Patches, ohne BSP-Müll. Aktuell fehlen in der Mainline noch USB-DisplayPort-Alt-Mode, NPU-Treiber, Hardware-Videodekodierung — und der DDR-Trainer-Blob für die RAM-Initialisierung. Das ist ehrlicher kommuniziert als bei den meisten ARM-SBCs, wo solche Lücken im Marketing einfach untergehen.
Ich finde diesen Ansatz nach 20 Jahren Linux-Erfahrung erfrischend ehrlich. Das übliche Spiel sieht so aus: Hersteller wirft eine modifizierte Kernel-Version raus, hält daran zwei Jahre fest, dann ist das Board EOL und die Community kämpft mit veralteten Patches. Wenn das hier wirklich aufgeht, ist der Flipper One das erste ARM-Board, das man auch in fünf Jahren noch mit einem aktuellen Upstream-Kernel betreiben kann. Bei dem „wenn“ liegt allerdings der Knackpunkt.
Dazu kommt Flipper OS — eine Debian-Variante mit Profilen, also Snapshots des kompletten Systems, zwischen denen sich umschalten lässt. Das Konzept zielt auf ein Problem, das jedem Tüftler mit SBCs vertraut ist: ständig SD-Karten flashen, jedes Projekt fängt mit Setup von vorne an. Die Macher räumen selbst ein, dass sie noch nicht wissen, wie sie das sauber architektonisch lösen.
Preis, Termin, Realismus
Ein konkretes Datum für die Kickstarter-Kampagne gibt es nicht — „noch dieses Jahr“ ist der angegebene Rahmen. Der Zielpreis liegt bei rund 350 US-Dollar (etwa 300 Euro), wobei Zhovner selbst die RAM-Preise als Risiko nennt. heise.de hält in seiner Berichterstattung sogar einen vierstelligen Straßenpreis nicht für ausgeschlossen. Das passt zur Klasse des Geräts: für einen Travel-Router oder eine VPN-Box wäre das viel Geld. Für einen modularen Pocket-Linux-PC mit SDR-Ambitionen ist der Vergleichspunkt eher ein gebrauchtes Notebook plus USB-Wi-Fi-Adapter — und da relativiert sich einiges.
Was bleibt, ist eine Ankündigung mit auffallend offenen Karten. Flipper Devices baut nicht still in der Garage und ruft „Tadaa“, wenn die Maske fällt, sondern macht den Entwicklungsprozess inklusive Unsicherheiten öffentlich. Das ist mutig, weil es Angriffsfläche bietet — und gleichzeitig genau das, was bei Open-Hardware-Projekten eigentlich Standard sein sollte. Ob daraus am Ende ein Produkt wird, das die Roadmap einlöst, hängt von Faktoren ab, die das Team selbst nicht alle in der Hand hat.



