Ferrari hat zu Pfingsten in Rom seinen ersten vollelektrischen Sportwagen offiziell vorgestellt: den Luce. 1.000 PS aus vier Motoren, ein 122-kWh-Akku, fünf Sitze, vier Türen – und ein Startpreis von rund 550.000 Euro. Die Eckdaten allein sind eine Ansage. Die eigentliche Nachricht ist aber, in welchem Marktsegment Ferrari damit antritt – und in welchem nicht.
Was technisch verbaut ist
Vier Elektromotoren, kombinierte Systemleistung von 772 kW, also gut 1.050 PS. Auf 100 km/h beschleunigt der Wagen in 2,5 Sekunden, bei 310 km/h ist Schluss. Die Batterie misst 122 kWh brutto und sitzt in einer 800-Volt-Architektur, was an passenden Säulen Ladeleistungen bis 350 kW erlaubt. Die Reichweite gibt Ferrari nach Norm mit rund 530 Kilometern an – ein Wert, den man im realen Fahrbetrieb dieses Leistungssegments gedanklich nach unten korrigieren sollte.
Auffällig ist die Karosserieform: Der Luce ist ein Fünfsitzer mit vier Türen und einem aktiven Fahrwerk. Damit weicht Maranello vom klassischen 2+2-Schema ab, das Ferrari über Jahrzehnte definiert hat. Auch der SUV Purosangue, der bei rund 450.000 Euro startet, ist nur ein Viersitzer. Der Luce zielt damit auf eine Klientel, die in einem Ferrari nicht alleine oder zu zweit unterwegs sein will – oder muss.
Jony Ive im Cockpit – und das ohne Display-Orgie
Das Interieur stammt aus der Feder von Jony Ive, ehemals Chefdesigner bei Apple und heute mit seiner Agentur LoveFrom für Ferrari tätig. Erstaunlich ist dabei, was nicht passiert ist: Touchscreens spielen eine deutlich kleinere Rolle als bei den meisten anderen aktuellen Elektroautos. Stattdessen setzen Ive und Ferrari auf taktile Schalter und Tasten – also auf das, was bei der breiten Konkurrenz seit Jahren wegrationalisiert wurde.
Das ist das eigenartig erfrischende Detail an der ganzen Inszenierung. Während andere Hersteller mittlerweile selbst die Spiegelverstellung in irgendein Untermenü verbannen, geht Ferrari den entgegengesetzten Weg. Ob das in der Bedienpraxis dann wirklich besser funktioniert, müssen die ersten Testfahrten zeigen. Aber als Haltung ist das Statement klar: Ein Ferrari soll sich nach Auto anfühlen, nicht nach Tablet auf Rädern.
550.000 Euro: oberhalb Purosangue, unterhalb Rimac
Der Startpreis von rund 550.000 Euro ist nach Berichten von Bloomberg und der Mailänder „Sole 24 Ore“ als vorläufiger Wert zu lesen, der je nach Markt und Ausstattung um etwa zehn Prozent nach oben oder unten abweichen kann. Damit liegt der Luce klar über dem Purosangue und ist damit – sieht man vom rein auf Einladung erhältlichen F80 ab – das teuerste reguläre Ferrari-Modell. Nach oben ist der Markt der elektrischen Hyper-Sportwagen besetzt von Aspark, Pininfarina Battista und Rimac Nevera, die jenseits der Millionen-Marke spielen. Nach unten kommen Porsche Taycan, Audi e-tron GT, Lotus Eletre und Lucid Air, die deutlich günstiger sind und einen anderen Markenkern bedienen.
Konzernchef Benedetto Vigna formuliert die Strategie als „Wert vor Volumen“: hohe Preise, kleine Stückzahlen, Markenexklusivität. Zwischen 2026 und 2030 plant Ferrari im Schnitt vier neue Modelle pro Jahr, parallel mit Verbrenner-, Hybrid- und Elektroantrieb. Mit den Fuhrpark-Diskussionen, die ich bei meinen Kunden seit Jahren mitlaufen sehe, hat das herzlich wenig zu tun – dort geht es um Reichweite im Außendienst, Wallboxen am Standort und Total Cost of Ownership über drei oder vier Jahre, und 550.000 Euro decken bei den meisten dieser Betriebe den gesamten Fuhrpark ab, nicht ein einziges Auto.
Der Luce ist deshalb kein Volumenmodell und soll es auch nicht sein – er ist ein Markenstatement: Ferrari geht elektrisch, aber zu Ferrari-Konditionen. Gerade im Luxussegment wird man genau beobachten, wie sich der Wagen wertmäßig hält, denn elektrische Premium-Modelle hatten in den letzten Jahren bei der Wertstabilität durchwachsene bis schlechte Ergebnisse. Ob sich in fünf Jahren noch genug Käufer finden, die eine halbe Million Euro für ein Auto ausgeben, dessen Antriebstechnik dann zwei Generationen alt ist – das wird der eigentliche Test der ganzen Übung.



