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Euro-Office startet am 9. Juni: Was hinter dem europäischen Browser-Office steckt

Eine breite europäische Allianz aus Nextcloud, IONOS, Proton und weiteren Anbietern bringt am 9. Juni 2026 die erste stabile Version von Euro-Office heraus — ein kollaborativer Browser-Editor als Schritt weg von US-amerikanischen Cloud-Plattformen.

Zwei Personen arbeiten gemeinsam an Dokumenten am Laptop – kollaboratives Browser-Office

Am 9. Juni erscheint die erste stabile Version von Euro-Office — einem kollaborativen Browser-Office, das ohne US-amerikanische Cloud-Infrastruktur auskommt. Hinter dem Projekt steht kein einzelner Hersteller, sondern ein breites europäisches Bündnis. Genau das macht den Unterschied zu ähnlichen Ankündigungen, die in den vergangenen Jahren meist im Nichts versandet sind.

Wer steckt dahinter — und warum das diesmal seriöser wirkt

Nextcloud, IONOS, XWiki, OpenProject, Proton, Soverin, Abilian, BTactic und OpenXchange bilden das Konsortium. Keine Newcomer, keine Crowdfunding-Idee — alle Beteiligten betreiben existierende europäische Infrastruktur und haben eine eigene Nutzerbasis. Euro-Office entsteht als App im Nextcloud-Ökosystem und löst Collabora Online ab, das bisher unter Nextcloud Office lief. Technisch ist es eine Open-Source-Anwendung, öffentlich auf GitHub verfügbar und mit dem Nextcloud Hub 26 Spring gebündelt.

IONOS-Kunden mit Managed Nextcloud können ab dem 9. Juni produktiv damit arbeiten. Die tiefere Integration in den IONOS Nextcloud-Workspace kommt laut Zeitplan erst im Spätsommer; XWiki will im vierten Quartal folgen.

Was „digitale Souveränität“ hier konkret bedeutet — und wo die Grenzen sind

„Unabhängigkeit von US-amerikanischen Cloud-Plattformen“ ist das Versprechen. Konkret: Euro-Office läuft auf europäischer Infrastruktur — wer Nextcloud auf IONOS, Hetzner oder eigenem Server betreibt, hat auch seinen Dokumenteneditor in Europa. Das ist kein leeres Marketingwort, sondern ein realer Unterschied für Kommunen, Schulen und Organisationen, die DSGVO-konforme Alternativen suchen und bisher auf Collabora oder ONLYOFFICE angewiesen waren.

Für KMU, die ich betreue, sieht die Rechnung anders aus. Microsoft 365 ist dort selten nur ein Office-Paket — Teams, SharePoint, Exchange und Entra ID hängen zusammen. Ein Browser-Editor löst diese Abhängigkeit nicht. Wer wirklich aus dem Microsoft-Ökosystem heraus will, braucht ein Gesamtkonzept, keinen einzelnen Editor.

Was noch fehlt — und für wen der Juni-Start zählt

Preise hat das Konsortium bislang nicht kommuniziert. Dateikompatibilität mit .docx, .xlsx und .pptx — dem praktischen Alltags-Maßstab in gemischten Umgebungen — steht ungetestet aus; ODF-Support ist geplant, aber noch nicht vollständig ausgerollt. Eine Desktop-App ist nicht vorgesehen, Offline-Arbeit damit nicht möglich.

Wer jetzt konkret profitiert: bestehende Nextcloud-Nutzer im öffentlichen Sektor, die bisher Collabora als separate Lizenz bezahlt haben. Für sie ist Euro-Office ein Upgrade mit stärkerem europäischen Backing und langfristiger Wartungsperspektive — das ist nicht trivial.

Ob Euro-Office mittelfristig mehr wird als ein gut vernetztes Nextcloud-Plugin, entscheidet sich über Kompatibilitätsqualität, Performance unter Last und Supportqualität — nicht über die Länge der Konsortiumsmitgliederliste. Das Potenzial ist real. Den Beweis muss die Software noch liefern. Wer Nextcloud betreibt, sollte den Start beobachten; alle anderen können den Herbst abwarten und die ersten Praxisberichte lesen.

◆ Über den Autor

Alexander Baumgärtner

Seit über 20 Jahren in der IT — mit allem, was dazugehört: abgestürzten Servern um zwei Uhr nachts, Migrationen, die laut Plan eine Stunde dauern sollten, und Kunden, die "schnell mal" eine neue Software brauchen. Hauptberuflich führe ich die ProMedia24, eine kleine IT-Firma in Wallenhorst bei Osnabrück. Auf Blogspan.net schreibe ich über IT-Themen, die mich interessieren oder wo ich glaube, dass jemand genauer hinschauen sollte: Server, Cloud, Sicherheit, KI, Hardware, gelegentlich auch Foto-Equipment oder Smarthome — wenn es technisch genug ist, landet es hier. Schreibstil: lieber konkret als geschwurbelt, gerne auch mal kritisch.