Ab heute suchen Mitarbeiter des Europäischen Parlaments über Qwant — zumindest jene, die den Default ihres Browsers nicht manuell ändern. Auf allen Parlamentscomputern ist die französische Suchmaschine jetzt als Standard in Firefox und Edge eingetragen. Google bleibt erreichbar, aber ein aktiver Schritt des Nutzers ist nötig, um dorthin zu gelangen.
Was sich konkret ändert — und was nicht
Der Wechsel ist kein Google-Verbot. Wer als Abgeordneter oder Parlamentsmitarbeiter lieber bei Google sucht, kann das heute noch genauso tun wie gestern. Die Schwelle ist jetzt aber eine andere: Google muss aktiv eingestellt werden, statt passiv der Standard zu sein.
Browser-Defaults sind klebrig — das weiß, wer schon mal Browser-Rollouts per Gruppenrichtlinie über 50 oder 100 Arbeitsplätze ausgerollt hat. In meiner Praxis gilt: Was ich als Default setze, bleibt der Standard. Wer ihn überschreibt, hat einen Grund dafür. Die allermeisten haben den nicht.
EUSP: Was hinter Qwant steckt
Die Entscheidung geht auf fraktionsübergreifenden Druck zurück, der schon im Herbst Fahrt aufnahm. Abgeordnete verschiedener Parteien hatten mehr Unabhängigkeit von US-Software gefordert — namentlich auch von Microsoft 365. Der Qwant-Schritt wird ausdrücklich als pro-europäische Maßnahme kommuniziert, nicht als anti-amerikanischer Akt.
Hinter Qwant steht mittlerweile mehr als ein 2013 gegründetes französisches Suchprojekt. Seit Herbst 2025 ist Qwant mit dem Berliner Anbieter Ecosia im Joint Venture European Search Perspective (EUSP) verbunden. Das Fernziel: ein eigenständiger europäischer Suchindex, der EU-Regierungen als gemeinsame öffentliche Infrastruktur dienen soll — in Europa finanziert, gepflegt und kontrolliert.
Datenschutztechnisch wirbt Qwant damit, keinen Suchverlauf zu speichern und keine Nutzerdaten weiterzuverkaufen. Wer die Qwant-Geschichte kennt, weiß aber auch: Der Dienst hat jahrelang stark auf Microsofts Bing als Daten-Backbone gesetzt. Wirklich unabhängig von US-Infrastruktur war das nie. Wie substanziell das EUSP-Projekt diesen Zustand ändert, bleibt die eigentliche Nagelprobe.
Ein EU-Parlament, das seinen eigenen IT-Betrieb nach denselben Prinzipien gestaltet, die es in Regulierungen einfordert, ist glaubwürdiger als eines, das mit DSA und DMA auf dem Tisch selbst bei Google bleibt. Ob das ein Anfang ist oder eine Randnotiz bleibt, entscheiden die Institutionen und Mitgliedstaaten, die jetzt entweder nachziehen oder das Thema als EP-Sonderfall abhaken.

