Alphabet hat 2025 erstmals über 400 Milliarden Dollar Umsatz gemacht — der Kern ist seit zwei Jahrzehnten derselbe: Werbung auf Suchanfragen, verkauft über Keywords. Ich habe das System für KMU-Kunden eingerichtet, und es hat einen eingebauten Haken: Es greift erst, wenn der Nutzer weiß, was er will, und es in ein Suchfeld tippt. OpenAI kommt seit Februar 2026 mit einem strukturell anderen Ansatz — und erste Analyse-Daten zeigen, dass der Abstand zu Googles Werbemodell größer ist als gedacht.
Absicht erkannt, bevor getippt wird
Das Anzeigenprogramm startete am 9. Februar 2026, mit Werbepartnern wie HubSpot, Dick’s Sporting Goods und Indeed. Harel Amir, Produktchef des Webanalyse-Unternehmens Similarweb, hat die ersten Kampagnen ausgewertet.
Die Anzeigen funktionieren nicht über Suchbegriffe, sondern über das, was Amir „Conversational Intent“ nennt: die Absicht, die sich im Verlauf eines Gesprächs mit dem KI-Modell herausschält. Das System kombiniert die aktuelle Frage mit dem Kontext des gesamten Gesprächsverlaufs und schlussfolgert, wohin das Interesse zielt — ohne dass der Nutzer je ein Produkt konkret genannt haben muss.
Google greift erst, wenn jemand explizit tippt: „beste Laufschuhe günstig“. ChatGPT kann dieselbe Absicht ableiten, während jemand über seinen Trainingsplan chattet.
Die 83-Prozent-Lücke in Googles Modell
Laut Similarweb-Analyse haben 83 Prozent der Anfragen innerhalb von ChatGPT, die zu einer Anzeigenplatzierung führten, keine herkömmliche Google-Shopping-Anzeige ausgelöst. Der überwiegende Teil dieser ChatGPT-Werbeflächen liegt also außerhalb dessen, was Googles Auktionssystem überhaupt erfasst.
Dazu ein weiterer Wert: 46 Prozent der Nutzer, denen eine ChatGPT-Anzeige ausgespielt wurde, hatten ursprünglich gar keine Kaufabsicht. Diese Gruppe existiert für keyword-basierte Werbung schlicht nicht — sie taucht in keinem Suchvolumen auf, weil sie nie aktiv gesucht hat.
Ein Ad pro Antwort — und ein entsprechender Preis
OpenAI zeigt pro Gesprächsbeitrag genau eine Anzeige, kein konkurrierendes Sponsored-Link-Geflecht wie auf Googles Ergebnisseiten. Similarweb schätzt den TKP auf rund 60 US-Dollar, den CPC auf etwa zwölf Dollar — beides deutlich über dem Schnitt klassischer Suchanzeigen.
Die Klickrate soll bei rund 0,68 Prozent liegen — unter Social-Media-Kampagnen, aber laut Amir mit besserer Conversion-Qualität als Social-Media-Klicks. Das ist die Argumentation für Werbetreibende: weniger Klicks, dafür Klicks mit mehr Gesprächskontext dahinter.
Anfangs war ein Mindestbudget von 200.000 Dollar je Advertiser fällig. Mit Self-Serve-Tools ab April 2026 ist der Einstieg deutlich gesunken. Für KMU ist die Plattform damit zumindest auf dem Papier erreichbar — praktische Erfahrungsberichte aus dem Mittelstand fehlen noch.
83 Prozent klingt nach großer Zahl — und muss gegen Googles deutlich höheres Gesamtvolumen abgewogen werden. Alphabet kämpft seinerseits mit AI Overviews in der Suche um den Intent-Kanal, bislang aber innerhalb desselben Keyword-Rahmens. Der strukturelle Befund von Amirs Analyse ist klar: Es gibt Kaufabsicht, die nie in eine Suchmaske eingetippt wird — und genau diese Fläche bewirtschaftet OpenAI gerade. Googles echte Antwort darauf hat noch niemand gesehen.



