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BYD übernimmt Haftung für den Fahrassistenten — und setzt die ganze Branche unter Zugzwang

BYD kündigt an, Unfälle mit aktivierter Urban-NOA-Funktion in China vollständig zu ersetzen — ohne Schadensobergrenze. Was mutig klingt, hat Bedingungen, einen strategischen Hintergedanken und Signalwirkung weit über China hinaus.

Cockpit eines modernen Fahrzeugs mit digitalem Armaturenbrett und Fahrassistenzsystem-Anzeige

Wenn ein Fahrassistenzsystem einen Unfall verursacht, fragt sich der Fahrer bisher zuerst: War ich es oder das System? BYD macht diese Frage für ein Jahr lang einfacher — zumindest in China. Der Automobilhersteller übernimmt die vollständige finanzielle Haftung für Unfälle, bei denen die Funktion „Urban Navigate on Autopilot“ (Urban NOA) aktiviert war und ordnungsgemäß genutzt wurde. Keine Schadensobergrenze, keine separate Versicherung erforderlich.

Was BYD konkret zusagt — und was noch vage bleibt

Das Versprechen gilt für Fahrzeuge mit dem „God’s Eye“-Lidar-System (Versionen A und B), entweder ab Fahrzeuglieferung oder ab dem Update auf God’s Eye Version 5.0 — jeweils für ein Jahr. In diesem Zeitraum übernimmt BYD Fahrzeugreparaturen, Sachschäden Dritter und medizinische Kosten bei Personenschäden. Die reguläre KFZ-Versicherung des Fahrers soll unberührt bleiben: Prämienerhöhungen im Folgejahr schließt BYD ausdrücklich aus.

Was fehlt, ist Präzision an der entscheidenden Stelle: Was heißt „ordnungsgemäße Nutzung“ konkret? Eine veröffentlichte Versicherungspolice mit Ausschlussklauseln gibt es nicht. Wie Beweise im Schadensfall erhoben werden — ob die Fahrzeugdaten des Herstellers allein zählen oder ein unabhängiges Gutachten möglich ist — bleibt offen. Das Kleingedruckte ist das, was in einem Streitfall zählt.

Kein Goodwill-Akt: Was BYD dabei gewinnt

BYD hat dieses Prinzip schon beim Level-4-Parkassistenten getestet. Ergebnis: Die Nutzungsquote stieg von 21 Prozent auf 93 Prozent, nachdem BYD die Haftung für automatische Parkmanöver übernahm. Wer nicht haftet, dem traut man nicht. Wer haftet, bekommt Nutzer — und Fahrdaten.

Über 3,15 Millionen Fahrzeuge mit aktivem Fahrassistenzmodul sammeln täglich mehr als 200 Millionen Kilometer Fahrdaten. Jeder Kilometer, den ein verunsicherter Fahrer bisher abschaltete, fehlte im Trainingsdatensatz. Das Haftungsversprechen ist damit auch ein Datenmobilisierungsprogramm — was BYD durch die eigene Statistik selbst belegt hat.

Wer IT-Lösungen für Kunden deployt, kennt den Unterschied: Zwischen einem Anbieter, der bei Problemen auf die Dokumentation verweist, und einem, der ein ordentliches SLA auf den Tisch legt, entscheidet oft der SLA. BYD hat verstanden, dass Haftungsbereitschaft Vertrauen schafft — bei Technologien, die breite Nutzergruppen noch mit gesunder Skepsis betrachten, ist das die schnellste Marktentwicklungsstrategie.

Tesla, EU-Recht und die Frage, wann das nach Deutschland kommt

Im Preisvergleich: Tesla verlangt für seine Fahrassistenz in China rund 8.100 Yuan, Huaweis ADS Max liegt bei etwa 4.600 Yuan — BYDs God’s-Eye-Paket kostet 12.000 Yuan (rund 1.500 Euro). Keiner der Konkurrenten hat eine vergleichbare Haftungsübernahme angekündigt. Das ist kein Zufall: Wer haftet, muss liefern. BYD nimmt dieses Risiko kalkuliert in Kauf.

Für den deutschen Markt bleibt das vorerst ein Fernsignal. EU-Typgenehmigung und UNECE-Vorschriften beschränken Level-3-Funktionen erheblich; DSGVO-konforme Datenverarbeitung würde das BYD-Modell vor grundlegend andere Anforderungen stellen. Dass BYD im April 2026 in Deutschland 4.705 Neuzulassungen meldete — mehr als Teslas 3.149 — zeigt, dass die Marke angekommen ist. Die Assistenzfunktion in dieser Form ist es noch nicht.

Europäische Hersteller werden früher oder später erklären müssen, warum sie dasselbe nicht anbieten. „Komplexes Rechtsumfeld“ ist eine Antwort — nur keine, mit der sich ein Markt dauerhaft überzeugen lässt. BYD hat mit der Parkassistenz und jetzt mit Urban NOA zweimal denselben Beweis geliefert: Haftungsbereitschaft erzeugt Nachfrage. Dass die Branche darauf reagieren muss, steht für mich außer Frage.

◆ Über den Autor

Alexander Baumgärtner

Seit über 20 Jahren in der IT — mit allem, was dazugehört: abgestürzten Servern um zwei Uhr nachts, Migrationen, die laut Plan eine Stunde dauern sollten, und Kunden, die "schnell mal" eine neue Software brauchen. Hauptberuflich führe ich die ProMedia24, eine kleine IT-Firma in Wallenhorst bei Osnabrück. Auf Blogspan.net schreibe ich über IT-Themen, die mich interessieren oder wo ich glaube, dass jemand genauer hinschauen sollte: Server, Cloud, Sicherheit, KI, Hardware, gelegentlich auch Foto-Equipment oder Smarthome — wenn es technisch genug ist, landet es hier.Schreibstil: lieber konkret als geschwurbelt, gerne auch mal kritisch.