Warren Buffett hat sechs Jahrzehnte lang erklärt, warum er Technologie-Aktien meidet: zu schwer einzuschätzen, zu abhängig von Entwicklern statt von echten Wettbewerbsvorteilen. Sein Nachfolger Greg Abel, seit Januar CEO von Berkshire Hathaway, sieht das anders. Berkshire hat gerade zehn Milliarden Dollar in einer Privatplatzierung bei Alphabet gezeichnet — ein Kurswechsel, der für sich spricht.
Was Abel macht, was Buffett nie getan hätte
Die Beteiligung ist Teil einer größeren Kapitalerhöhung: Alphabet sammelt insgesamt 80 Milliarden Dollar ein — 30 Milliarden über ein öffentliches Aktienangebot, 40 Milliarden über ein Rückkaufprogramm, das ab dem dritten Quartal 2026 startet. Berkshires Privatplatzierung über zehn Milliarden Dollar hebt die Alphabet-Position nun über die bisherigen Kernbeteiligungen Bank of America und Chevron. Das ist keine marginale Portfolio-Anpassung.
Buffett war bereit, Apple zu kaufen, weil er darin eine Konsummarke mit klarem Burggraben sah — Kundenbindung, Ökosystem, stabile Margen. Alphabet ist etwas anderes: ein KI-Infrastruktur-Einsatz auf ein Unternehmen, dessen Rechenkapazitäten die Grundlage für Modelle und Dienste sind, die heute niemand vollständig einschätzen kann. Genau das hat Buffett jahrzehntelang gemieden. Abel offenbar nicht.
Google wächst — weil OpenAI und Anthropic Rechenzeit kaufen
Alphabets Q1-2026-Zahlen erklären, warum das Investment attraktiv wirkt: Gesamtumsatz plus 22 Prozent auf rund 110 Milliarden Dollar, Google Cloud plus 63 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Cloud-Auftragsbestand übersteigt 460 Milliarden Dollar. Dahinter steckt eine bemerkenswerte Dynamik: Ein Großteil dieser Nachfrage kommt von Unternehmen wie OpenAI und Anthropic — zwei Startups, die noch immer Verluste schreiben, aber Rechenleistung in einem Maßstab kaufen, den klassische Enterprise-Kunden nicht erreichen.
Für Alphabet ergibt sich daraus ein komfortables Paradox: Die KI-Konkurrenz finanziert indirekt die eigene Cloud-Infrastruktur mit, während Google parallel Gemini und eigene KI-Produkte baut. Der Wettbewerb ist Kunde, Konkurrent und Wachstumstreiber in einem.
Für eine 15-Mann-Firma wie meine ändert das kurzfristig nichts Direktes — die Cloud-Preise, die wir täglich bei Hetzner und netcup sehen, werden nicht von solchen Ankündigungen bewegt. Aber die Richtung ist klar: Je mehr Kapital in Infrastruktur fließt, desto stabiler bleibt das Rechenpreis-Umfeld langfristig, auch unterhalb des Hyperscaler-Segments.
180 Milliarden Capex — eine Infrastruktur-Wette, nicht nur Ausgaben
Alphabet plant für 2026 Investitionsausgaben zwischen 180 und 190 Milliarden Dollar; 2027 soll der Wert weiter steigen. Diese Summen liegen jenseits normaler Unternehmens-Capex-Planung. Vergleichbar ist das am ehesten mit dem Aufbau der Stromnetzinfrastruktur im 20. Jahrhundert: Wer die Leitungen kontrolliert, bestimmt, wer sie nutzen darf und zu welchen Konditionen. Die Finanzierung über eine Kapitalerhöhung — begleitet von Goldman Sachs, JP Morgan und Morgan Stanley — macht deutlich, dass Alphabet das nicht aus laufenden Mitteln stemmen will.
Ob Abel mit dem Timing recht behält, ist offen. KI-Infrastruktur-Zyklen lassen sich nicht mit klassischen Value-Investing-Metriken greifen, und die Bewertungs-Grundannahmen hinter solchen Capex-Zahlen hängen an Prognosen, die auch gut gemeinte Analysten regelmäßig verfehlen. Was das Investment trotzdem aussagt: Wer bislang gehofft hatte, KI sei ein Hype-Zyklus mit absehbarem Ablaufdatum, hat jetzt ein neues Gegenargument. Zehn Milliarden von der nüchternsten Kapital-Allokations-Maschine der Finanzwelt sind kein Momentum-Trade.



