Künstliche Intelligenz 3 Min. Lesezeit

Amazon lässt KI Produkte erfinden, die es gar nicht verkauft

Was tut man, wenn einem die Worte für das gesuchte Produkt fehlen? Amazons neue Antwort: KI-generierte Bilder zeigen, was gemeint sein könnte — auch wenn die dargestellten Produkte gar nicht existieren.

Frau beim Online-Shopping am Laptop, symbolisch für KI-generierte Produktbilder in der Amazon-Suche

Amazon hat eine neue Funktion in seiner Shopping-App eingeführt: Wer im Suchfeld Text eingibt, sieht darunter KI-generierte Bilder — von Produkten, die es bei Amazon nicht gibt. Die Idee dahinter ist, Kunden beim Formulieren zu helfen. Wer keinen Begriff für das gesuchte Produkt kennt (ein Shirt mit ovalem Ausschnitt, ein Cowl-Neck?), beschreibt es, und die KI visualisiert, was gemeint sein könnte. Die generierten Bilder sollen dann als visuelle Vorlage dienen, um optisch ähnliche, tatsächlich erhältliche Produkte zu finden. So zumindest die Theorie.

Bilder von Produkten, die Amazon nicht verkauft

Das Feature startet in den Kategorien Bekleidung und Wohnaccessoires; Amazon will es auf weitere Bereiche ausweiten. Gleichzeitig rollt das Unternehmen mehrere verwandte Funktionen aus: KI-generierte Shopping-Kollagen, Text-to-Image-Suche und erweiterte visuelle Suchmöglichkeiten. Dahinter steckt eine klare Stoßrichtung: Amazon verschiebt die Produktsuche weg vom exakten Suchbegriff hin zu visueller Inspiration — näher an Pinterest als an klassische Keyword-Suche.

Das Problem ist offensichtlich: KI-generierte Bilder zeigen Produkte, die nicht existieren. Wer ein visualisiertes Kleidungsstück sieht, darauf klickt und es dann nicht findet, hat nichts gewonnen — das ist ein selbstgebauter Frustrationspunkt für ein Unternehmen, das sonst viel Energie in Conversion-Optimierung steckt. TechCrunch bringt das im Titel auf den Punkt: „for some reason.“

Warum ein Marktplatz mit Millionen echter Fotos auf Fantasiebilder setzt

Amazon sitzt auf einer der größten Produktbild-Datenbanken der Welt. Echte Bilder, echter Kontext, kaufbares Produkt dahinter. Stattdessen kommen jetzt KI-Fantasien vor die eigentliche Suche — mit dem Versprechen, die Lücke zwischen „was ich meine“ und „was ich tippe“ zu schließen. (Ich frage mich, ob das Modell in vielen Fällen einfach etwas halluziniert, das dem gesuchten Produkt ähnelt — und dass der Treffer danach eher Zufall als Treffsicherheit wäre.)

Ab August 2026 greift im EU-Markt aus dem AI Act die Kennzeichnungspflicht für KI-generierte Inhalte — Amazon müsste solche Bilder dann explizit als KI-generiert markieren. Ob das die Verwirrung für europäische Nutzer verringert oder eher unterstreicht, dass hier keine realen Produkte zu sehen sind, lässt sich vorab schwer sagen.

Was Amazon mit dem Feature letztlich testen will, ist von außen schwer zu sagen: Engagement-Metriken, längere Sitzungszeiten, mehr Touchpoints auf dem Weg zur Conversion? Der Marktplatz-Logik folgend könnte es ein Versuch sein, visuelles Browsing zu etablieren — Inspiration vor Absicht, Pinterest-Modus auf einer Plattform, bei der die meisten Nutzer wissen, was sie wollen, und es schnell kaufen wollen. Ob das zusammenpasst, werden die Rückgabequoten zeigen.

◆ Über den Autor

Alexander Baumgärtner

Seit über 20 Jahren in der IT — mit allem, was dazugehört: abgestürzten Servern um zwei Uhr nachts, Migrationen, die laut Plan eine Stunde dauern sollten, und Kunden, die "schnell mal" eine neue Software brauchen. Hauptberuflich führe ich die ProMedia24, eine kleine IT-Firma in Wallenhorst bei Osnabrück. Auf Blogspan.net schreibe ich über IT-Themen, die mich interessieren oder wo ich glaube, dass jemand genauer hinschauen sollte: Server, Cloud, Sicherheit, KI, Hardware, gelegentlich auch Foto-Equipment oder Smarthome — wenn es technisch genug ist, landet es hier. Schreibstil: lieber konkret als geschwurbelt, gerne auch mal kritisch.