Ende April gab Cohere bekannt, das Heidelberger KI-Startup Aleph Alpha übernehmen zu wollen. Seither nennen beide Seiten es eine „Fusion“, das Bundesministerium für Digitales spricht von „hohem geostrategischen und wirtschaftlichem Wert“ — und Kritiker fragen, ob das, was da gerade passiert, wirklich europäische Datensouveränität schützt oder nur die Abhängigkeit von Silicon Valley gegen eine von Toronto tauscht.
„Merger“ auf dem Papier, Übernahme in der Praxis
Das Ergebnis des Deals ist klar: Cohere-CEO Aidan Gomez führt das kombinierte Unternehmen, der Cohere-Name bleibt erhalten, der Hauptsitz liegt in Toronto — Heidelberg ist der zweite Standort. Aleph Alpha bringt sein Forschungs-Know-how ein, vor allem aus der Arbeit mit deutschen Behörden, dem öffentlichen Sektor und der Rüstungsindustrie; das Sprachmodell Luminous war in einigen Regierungsprojekten bereits im Einsatz. Was mit diesen Projekten und dem Aleph-Alpha-Branding mittelfristig passiert, ist noch offen.
Der finanzielle Anker ist Schwarz Group — Muttergesellschaft von Lidl und Kaufland — mit 600 Millionen Dollar als Lead-Investor in Coheres Series-E-Finanzierungsrunde. Das ist bemerkenswert: Schwarz betreibt bereits eigene IT-Infrastruktur (Stackit) und weiß, was Datenkontrolle praktisch bedeutet. Dass ausgerechnet sie ins Cohere-Ökosystem einsteigen, ist ein Signal, dass dort ernsthafter Wert für europäische Unternehmens-KI gesehen wird — nicht nur politisches Wunschdenken.
Was Kanada mit europäischer Souveränität zu tun hat — wenig
„Sovereign AI“ steht auf dem Prospekt dieser Transaktion. Gemeint ist: Kunden behalten volle Kontrolle über ihre Daten und die Infrastruktur, auf der die Modelle laufen. Das ist ein echtes Versprechen — und tatsächlich etwas anderes als das, was OpenAI oder Google anbieten. Nur ist es kein europäisches Versprechen.
Cohere sitzt in Kanada, unterliegt kanadischem Recht und teils US-amerikanischen Exportkontrollregeln bei sensiblen Technologien. Der Cloud Act, der US-Behörden Datenzugriff auf amerikanische Firmen ermöglicht, gilt für Cohere nicht direkt — aber ob ein Doppel-HQ-Konstrukt mit Schwerpunkt Toronto wirklich EU-Datenschutz-konform betreibbar ist, werden die ersten Behördenausschreibungen unter neuem Dach beantworten, nicht Pressemitteilungen. — Und die Erfahrung zeigt: „Daten bleiben in Europa“ wird gerne versprochen, bis die erste Überarbeitung der Service-Bedingungen kommt.
20 Milliarden Dollar — und was das über den Markt sagt
Die Bewertung des kombinierten Unternehmens liegt bei 20 Milliarden Dollar. Aleph Alpha allein kam zuletzt auf rund 500 Millionen Euro — der Abstand zeigt, dass der Zusammenschluss mehr ist als ein Notverkauf. Cohere hat parallel auch Reliant AI übernommen, ein weiteres deutschstämmiges KI-Lab. Die Konsolidierung der europäischen KI-Szene läuft, nur halt unter kanadischer Führung.
Das Positive: Es gibt jetzt einen B2B-Anbieter mit ernsten Ambitionen für den europäischen Behörden- und Verteidigungsmarkt, der nicht OpenAI oder Google heißt. Das Negative: Europa hat dieses Unternehmen nicht gehalten. Aleph Alpha war die prominenteste Hoffnung, dass ein EU-Startup diese Rolle ausfüllen könnte — diese Geschichte endet als Zulieferer in einem transatlantischen Konstrukt.
Mich überzeugt das „souverän“-Label für Cohere/Aleph Alpha noch nicht vollständig. Dual-HQ und Schwarz-Milliarden sind besser als ein reiner US-Exit — das stimmt. Aber echte Souveränität bedeutet: volle Kontrolle über Daten, Infrastruktur und Entscheidungen, ohne Abhängigkeit von einem Regelwerk, das 7.000 Kilometer entfernt entsteht. Ob Cohere das leisten kann und will, zeigen die ersten Behördenverträge unter neuem Dach — erwartet für die zweite Jahreshälfte 2026.



