Fragt man Kunden, ob sie noch 2G in der Infrastruktur haben, kommt meist eine kurze Pause. Dann: „Die Alarmanlage ist doch gewartet.“ Ob die SIM-Karte dahinter GSM oder LTE spricht, weiß im Gespräch selten jemand sicher. Die gute Nachricht: Es bleibt Zeit. Die schlechte: Die Zeit läuft. O2 Telefónica, Vodafone und Deutsche Telekom haben sich auf 2028 als gemeinsames Abschaltjahr für das 2G-Netz (GSM) geeinigt — und damit ist der Countdown gestartet.
2028, Vodafones Ausnahme — und was das bedeutet
Alle drei Betreiber nennen 2028 als Zieldatum. Die Telekom und O2 geben keine feinere Unterteilung an; Vodafone plant differenzierter: Das Privatkunden-2G endet 2028, ein Teil des Spektrums für bestimmte Industrieanwendungen bleibt bis 2030 erhalten. Technikchef Fabrizio Rocchio sprach von einem „Kapazitätsgewinn von rund zehn Prozent“ im niedrigen Frequenzband, das dann für LTE und 5G freiwird.
Was die Industrieausnahme konkret umfasst, hat Vodafone öffentlich nicht detailliert. Wer also darauf hofft, mit einer M2M-GSM-Verbindung bis 2030 zu warten, sollte das nicht als Entwarnung lesen — solange unklar ist, ob die eigene Anwendung in diese Kategorie fällt.
Im europäischen Vergleich ist Deutschland damit kein Vorreiter. Mehrere westeuropäische Netzbetreiber haben GSM bereits Anfang der 2020er-Jahre abgeschaltet. Der hiesige Zeitplan lässt Unternehmen mehr Vorlauf — aber auch mehr Gelegenheit, die Sache vor sich herzuschieben.
Alarmanlagen, Aufzüge, Sensoren: Wer wirklich betroffen ist
Der typische Verbraucher mit einem aktuellen Smartphone: kein Problem. Wer noch ein Nokia 3310 im Schrank hat, muss es danach nicht mehr aufladen — das trifft niemanden ernsthaft.
Anders sieht es bei Geräten aus, die lautlos im Hintergrund arbeiten. Ich habe mindestens drei Kunden, bei denen Alarmanlagen oder Feuermelder per GSM-Aufschaltung überwacht werden. Einer davon hat das beim letzten Wartungsgespräch zum ersten Mal realisiert — das System läuft seit 2014, die SIM-Karte steckt im Schaltkasten, und bisher hat sich niemand gefragt, auf welchem Netz sie arbeitet. Ab 2028 ist das keine irrelevante Frage mehr.
Das klassische 2G-IoT-Inventar sieht in vielen Betrieben ähnlich aus: Feuermeldzentralen, Aufzug-Notruftelefone, ältere GPS-Tracker in Fahrzeugflotten, Zählerfernauslesung, Maschinensensoren in der Logistik. All das wurde eingebaut, weil 2G günstig, flächendeckend und stabil war — nicht weil irgendjemand 2024 noch aktiv darüber nachgedacht hat.
O2-Technikchef Mallik Rao empfahl Unternehmen: „Wer heute noch 2G nutzt, sollte die Umstellung jetzt starten.“ Das ist, in diesem Fall, ein Ratschlag ohne Marketinghintergrund.
Die offene Frage: Was passiert in Funklöchern?
Die Carrier betonen, dass 4G heute 97,79 Prozent der deutschen Landesfläche erreicht. 2G liegt noch bei 99,78 Prozent — knapp zwei Prozentpunkte Unterschied, der aber konkrete Gebiete trifft. Waldgebiete, einzelne Täler, dünn besiedelte Randzonen: Dort ist GSM teils noch das einzige vorhandene Funknetz.
Ob die Betreiber in diesen Regionen bis 2028 neue LTE-Sendemasten bauen, ist nicht verbindlich zugesagt. Beim 5G-Ausbau in ländlichen Gebieten hat die Branche gezeigt, dass Versorgungspflichten und reale Flächendeckung zwei verschiedene Dinge sind. Was das für Standorte bedeutet, die heute noch keine 4G-Alternative haben, bleibt offen — und für Unternehmen mit Betriebsstätten in solchen Regionen ist das die eigentlich kritische Variable.
Die Hausaufgabe ist weniger eine technische als eine organisatorische: Welche Geräte in der eigenen Infrastruktur kommunizieren heute noch über GSM? Wer diese Antwort jetzt zusammenstellt, hat bis 2028 genug Zeit für geordnete Migrationen. Wer sie 2027 sucht, wird eine Warteschlange vorfinden.



