(pressebox) München, 28.08.2009,
Am 28. August 2009 hat der Präsident des Goethe-Instituts Klaus-Dieter Lehmann die diesjährigen Goethe-Medaillen verliehen. Er übergab den offiziellen Orden der Bundesrepublik Deutschland im Weimarer Residenzschloss an den norwegischen Übersetzer Sverre Dahl, den schwedischen Schriftsteller und Philosophen Lars Gustafsson und den rumänischen Theaterkritiker und Übersetzer Victor Marian Scoradet. Erstmals wurde die Ehrung von Persönlichkeiten, die sich um den internationalen Kulturaustausch verdient gemacht haben, am Geburtstag des Namenspatrons und nicht an dessen Todestag überreicht. Ein Programm in Kooperation mit «pèlerinages» Kunstfest Weimar bildet 2009 den kulturellen Rahmen des Festaktes.
Klaus-Dieter Lehmann betonte in seiner Begrüßung, dass internationaler Kulturaustausch durch "gegenwärtige und zukunftsfähige Initiativen" stattfinden müsse, um lebendig zu bleiben. "Wir benötigen ein gesichertes Fundament im Ausland für diejenigen, die sich für die deutsche Sprache und Literatur und für Deutschland interessieren." Bausteine dieses Fundaments seien auch Einzelne wie die Preisträger der Goethe-Medaille, die als "Brückenbauer und Fährleute gegenseitige kulturelle Beziehungen und Erfahrungen erlebbar machen und Erkenntnisprozesse an die Stelle von Stillstand setzen".
In der anschließenden Festrede sprach die österreichische Kulturjournalistin Sigrid Löffler über "Goethe und das Geld". Der Namenspatron der heutigen Auszeichnung habe sich nachweislich sein Leben lang intensiv mit ökonomischen Fragen befasst und dabei stets "die Auswirkungen der finanz- und wirtschaftspolitischen Umwälzungen seinerzeit auf das menschliche Verhalten" reflektiert. In Anbetracht der Weltwirtschaftskrise rege die Lektüre von "Faust II" ein Nachdenken über "die systemischen Krisen der Weltrisikogesellschaft" an und es sei kaum verwunderlich, dass "Goethe, der Geld-Dichter, plötzlich in aller Munde ist".
Sverre Dahl wurde mit der Goethe-Medaille für sein Lebenswerk geehrt: Der norwegische Übersetzer befasst sich seit über zwanzig Jahren in bislang 120 Übersetzungen mit deutschsprachiger Literatur. Eine "preiswürdige" Zahl, insbesondere in Anbetracht der übersetzten Autoren, betonte der Laudator Per Øhrgaard, Professor für Germanistik und Wissenschaftlicher Leiter des Medienarchivs Günter Grass Stiftung: "Bei Sverre Dahl geht es um die schwierigen Bücher der großen Schriftsteller. Dahl hat – so ist man versucht zu sagen – etwa so viel deutsche Literatur übersetzt wie unsereins gelesen hat." Dahl hat deutsche Klassiker wie Goethe, Novalis und Hölderlin, aber auch moderne Klassiker wie Franz Kafka, Hermann Broch, Robert Walser, Wolfgang Koeppen und Ingeborg Bachmann und Gegenwartsautoren wie Ingo Schulze, Daniel Kehlmann und Lukas Bärfuss sowie philosophische Texte von Max Weber, Norbert Elias und Rüdiger Safranski übersetzt. Ohne Dahls Engagement gäbe es weniger deutschsprachige Literatur auf Norwegisch, so Øhrgaard, da er nicht nur übersetze, sondern zugleich die deutsche Literatur in seinem Heimatland "als Gelehrter und als Gutachter" befördere: "Denn bevor ein Werk übersetzt wird, muss jemand an dessen Möglichkeiten glauben".
Der schwedische Schriftsteller Lars Gustafsson erhielt die Goethe-Medaille für sein umfangreiches literarisches Werk, das einen starken Deutschlandbezug aufweist. Mit zahlreichen Publikationen in Deutschland hat Gustafsson seit den 1970er Jahren das deutsche Schwedenbild jenseits der großen Kinderbuchtradition und der populären schwedischen Kriminalliteratur geprägt. Daneben sind in Gustafssons Werken vielfältige Bezüge insbesondere zur deutschen Philosophie bemerkenswert. Die Suche nach Identität, das moralische Bewusstsein, sowie eine philosophisch untermauerte Sprachskepsis sind Ausgangspunkte für Gustafssons Texte. Der bekannteste Ort dieser fortwährenden literarischen Selbstbefragung seien "seine Essays und Romane, vor allem in Deutschland, wo Gustafssons Bücher oft so intensiv rezipiert wurden wie sonst nur in seinem Mutterland," wie Heinrich Detering, Professor am Seminar für Deutsche Philologie und Direktor des Zentrums für komparatistische Studien der Universität Göttingen, in seiner Laudatio hervorhob. Lars Gustafsson sei gleichermaßen ein "poetischer Philosoph und ein philosophischer Poet". Der Reiz seiner Dichtung ergebe sich aus der Kunst, mit der er philosophische Probleme als genuin poetisch behandelt, "indem er das Abstrakte sinnlich und die Reflexion tänzerisch" mache.
Der rumänische Theaterkritiker und Übersetzer Victor Marian Scoradet wurde für seine herausragenden Übersetzungen neuer deutscher Theaterstücke, für deren Inszenierung in Rumänien er sich seit Jahren einsetzt, gewürdigt. Seit 2001 übersetzt er jedes Jahr im Auftrag des Goethe-Instituts Bukarest drei deutschsprachige Theaterstücke ins Rumänische und sorgt so dafür, dass deutsche Dramatiker regelmäßig auf rumänischen Bühnen gespielt werden. Die Liste seiner Übersetzungen liest sich wie ein "Who’s Who" der zeitgenössischen deutschsprachigen Dramatik: Lukas Bärfuss, Sibylle Berg, Thomas Hürlimann, Tankred Dorst, Roland Schimmelpfennig, Marius von Mayenburg oder Dea Loher. In der Laudatio auf ihren eigenen Übersetzer erzählte die vielfach ausgezeichnete Berliner Dramatikerin Loher, wie Victor Scoradet in seiner frühen Tätigkeit als Redakteur der deutschsprachigen Zeitung "Neuer Weg" erstmals in Berührung mit Dramatik aus Deutschland kam. Diese Begegnung sei ein "Glücksfall" gewesen, nicht nur für den "Theaterfreak Scoradet" selbst, sondern insbesondere für das deutschsprachige und das rumänische Theater. In den darauffolgenden Jahren habe er in seinen zahlreichen Essays eine interessierte rumänische Öffentlichkeit darüber informiert "was im Theater und in der Dramatik außerhalb ihres Landes passiert". In der Begründung der Auswahlkommission als Brückenbauer zwischen Deutschland und Rumänien gewürdigt, habe Scoradet "einen langen Weg zurückgelegt und es ist eine breite Brücke geworden, von der aus man einen freien Blick in eine oft überraschende Landschaft hat".
Weitere Informationen über die Goethe-Medaille und die diesjährigen Preisträger unter www.goethe.de/goethe-medaille .
Bilder von der Verleihung der Goethe-Medaille 2009 in druckfähiger Auflösung im Bilderservice auf www.goethe.de/presse .
Rahmenprogramm
Gemeinsam mit «pèlerinages» Kunstfest Weimar veranstaltet das Goethe-Institut 2009 erstmals ein kulturelles Rahmenprogramm zur Verleihung der Goethe-Medaille. Am Abend des Festakts findet in der Weimarhalle ein Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin unter der Leitung von Ingo Metzmacher statt. In einer Matinee in der Orangerie Schloss Belvedere diskutieren am Samstag, den 29. August, die drei Preisträger über das Umbruchjahr 1989. Die Journalistin Franziska Augstein moderiert das Gespräch, das die ganz persönlichen Erfahrungen der Preisträger nach dem Fall der Mauer in den Mittelpunkt stellt.
Freitag, 28. August
20 Uhr: Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin unter der Leitung von Ingo Metzmacher in der Weimarhalle
Samstag, 29. August
11 Uhr: Matinee mit den drei Preisträgern der Goethe-Medaille und der Journalistin Franziska Augstein in der Orangerie Schloss Belvedere
Thema: "Europa 1989"
Karten zu beiden Veranstaltungen gibt es noch unter www.kunstfest-weimar.de oder der Tickethotline 03643 – 745 745 bzw. 01805 – 055 505 (0,14 ?/Min.).
Die Verleihung der Goethe-Medaille wird in enger Partnerschaft mit der Klassik Stiftung Weimar und der Stadt Weimar veranstaltet. Das kulturelle Rahmenprogramm findet in Kooperation mit «pèlerinages» Kunstfest Weimar statt.
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