Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zur atomaren Abrüstung:



Bielefeld (ots) – Na bitte, ein Jahr des Rätselratens ist vorbei.
Heute wissen wir, was Barack Obama vor ziemlich genau zwölf Monaten
meinte. Der US-Präsident entwickelte seinerzeit in Prag eine Vision
von der atomwaffenfreien Welt.
Der Weg dahin, das wurde beim Atomgipfel jetzt in Washington
deutlich, ist noch sehr lang. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist das
Ziel nicht einmal in Obamas zweiter Amtszeit, sofern er 2012
wiedergewählt wird, erreichbar.
Absichtserklärungen von 50 Staaten zum Umgang mit atomarem Material
sowie große Einigkeit gegenüber nicht anwesenden Schurkenstaaten und
Verbrechern sind für sich genommen ein Null-Ergebnis. Was ist daran
bemerkenswert, gar ein Fortschritt?
Allein die große Gefahr, die grundsätzlich von gestohlenen
Massenvernichtungswaffen ausgeht, rechtfertigt die gut gemeinte
Anstrengung, der sich nicht nur Bundeskanzlerin Angela Merkel
unterzog. Schon die Erkenntnis ist ein Gewinn, dass sich USA,
Russland und China in der Bedrohung näher stehen, als ihr oft
unterschiedliches Verhalten im Ernstfall vermuten lässt.
Diplomatie ist das eine, beobachtbares Verhalten meist aber etwas
ganz anderes – denn darauf kommt es an, wenn Iran mit der Bombe
spielt, wenn Russland in Georgien Muskeln zeigt und Peking Tibeter
und Uiguren kujoniert oder Freidenker im Internet schasst.
Unmittelbar nach dem Nato-Gipfel in Straßburg und Baden-Baden 2009
hatte Obama das Thema atomare Abrüstung für sich entdeckt und damals
die großen Hoffnungen der Welt auf sich gezogen.
Nach diesem Gipfel der Offenbarung, der zeigt, dass auch ein
US-Präsident in Sachen Atomterror machtlos ist, hat sich die Zahl
seiner Bewunderer erheblich reduziert. Wohlwollendere Kommentatoren
bemerkten, immerhin habe Obama seine Aufgabe auf der weltpolitischen
Bühne gefunden, will sagen: Die wichtigsten Stichworte für spätere
Chronisten seiner Präsidentschaft sind gegeben.
An einem ähnlichen Punkt stand US-Präsident George W. Bush 2001 auch
schon einmal – bis der 11. September kam. Prompt sagte ihm nicht nur
der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder »uneingeschränkte
Solidarität« zu, was Bush nicht davor bewahrte, zum Buhmann des
Jahrzehnts zu werden. Soviel zu internationalen Entschließungen.
Nein, der Misserfolg von Washington darf Obama nicht entmutigen. Er
muss beharrlich weiter machen, auch wenn atomare Waffen und
strahlendes Material längst viel zu verbreitet sind, als dass man all
das Teufelszeug tatsächlich wieder einsammeln könnte. Barack Obama
wird in den kommenden drei plus eventuell vier Regierungsjahren die
Mühen der Ebene statt des Glanzes vermeintlicher Gipfel erfahren.
Wenn er dem Abrüstungsziel solange treu bleibt, wäre das am Ende
aller Ehren wert – egal wie wenig er tatsächlich erreicht hat.

Pressekontakt:
Westfalen-Blatt
Nachrichtenleiter
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 – 585261  

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