Bielefeld (ots) – Man soll das Fell des Bären nicht verteilen,
bevor man ihn erlegt hat. Kaum ist der Bär tot, stürzt sich der
Wahlsieger auf die Beute. Die FDP hat mutig den Kampf um Posten
begonnen und gestern mächtig mit ihren Muskeln gespielt.
Anders Angela Merkel. Sie hat zwar auch ihr politisches Terrain in
einer neuen schwarz-gelben Regierung abgesteckt. Aber ihr geht es
nicht nur um Posten. Sie hat deutlich gemacht, dass die
Innenarchitektur dieses von ihr geführten Bündnisses sich fundamental
von den schwarz-gelben Koalitionen vergangener Jahre unterscheiden
wird. Schwarz-Gelb ist nach dem Willen Merkels mehr als nur ein
Bündnis, das für wirtschaftliches Wachstum und die Schaffung von
Arbeitsplätzen steht.
Merkel will mehr. Sie will Kanzlerin einer Volkspartei sein, die für
alle da ist. Ob sie die Balance zwischen Wirtschaft und Soziales
jedoch finden wird und ob das überhaupt möglich ist, wird die Zukunft
zeigen.
Viel Negatives werden die Menschen in den kommenden Monaten wohl
nicht fürchten müssen. In knapp acht Monaten wird bereits erneut
gewählt. In Nordrhein-Westfalen, dem größten Bundesland, geht es um
viel. Weder Merkel noch Westerwelle werden diese wichtige
Landtagswahl aufs Spiel setzen. Schließlich gilt es, erstens die
schwarz-gelbe Mehrheit im Bundesrat zu verteidigen und zweitens, der
angeschlagenen SPD die nächste Niederlage beizubringen. Somit werden
Merkel und Westerwelle eher Bonbons verteilen, als Giftpapiere
herausholen.
Merkel hat gestern deutlich gemacht, dass sie die Rolle des Kochs in
der neuen Regierung für sich in Anspruch nehmen wird. Für ihren neuen
Partner Guido Westerwelle hat sie die Kellner-Rolle vorgesehen.
Sichtlich gelöst, gut gelaunt, schlagfertig und sehr souverän hat
sich die Kanzlerin gestern präsentiert. Sogar witzig war die Frau,
die beim TV-Duell so blass geblieben war.
Westerwelle hingegen ist etwas übermütig vorgeprescht. Sein Auftritt
gestern zählt sicher nicht zu seinen besten. Mit dem grandiosen
Wahlerfolg im Rücken forderte der ansonst rhetorisch starke FDP-Mann
ganz keck vier Ministerposten, um dann ausgerechnet gegenüber einem
Auslandsjournalisten ins Schlingern zu geraten. Als dieser ihm eine
Frage auf Englisch stellen wollte, wurde Westerwelle sichtlich nervös
und forderte ihn auf, Deutsch zu sprechen. Beim Thema Steuersenkung
ließ der FDP-Chef die Vehemenz seiner Forderung vermissen, die ihn im
Wahlkampf noch ausgezeichnet hatte.
Während sich Westerwelle noch an seine neue Rolle gewöhnen muss,
fliegen in der SPD bereits die Fetzen. Wie zu erwarten, sind die
ersten personellen Konsequenzen erfolgt. Parteichef Franz Müntefering
hat seinen Rücktritt angedeutet. Er macht möglicherweise Platz für
Sigmar Gabriel. Das politische Erdbeben der Sozialdemokraten wäre
damit aber nicht beendet. Es hat gerade erst begonnen.
Pressekontakt:
Westfalen-Blatt
Nachrichtenleiter
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 – 585261
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