Westdeutsche Zeitung: Die Truppe und der Alkohol = Von Stefan Küper



Düsseldorf (ots) – So erschreckend und abstoßend die Exzesse in
der Bundeswehr sind, so wichtig ist es, die Relationen zu wahren. Der
Wehrbeauftragte Reinhold Robbe hat bisher 54 Zuschriften von
Ex-Wehrdienstleistenden und ehemaligen Berufssoldaten erhalten. Aus
diesen Fällen auf die gesamte Truppe schließen zu wollen, wäre
unredlich.
Allerdings fällt auf, dass in fast allen Fällen Alkoholmissbrauch
zugrunde lag. Und das führt, unabhängig von den entwürdigenden
Ritualen, zu einem grundsätzlichen Problem: Wer sich mit aktiven oder
ehemaligen Wehrdienstleistenden unterhält, der wird den Eindruck
nicht los, dass übermäßiger Alkoholkonsum zu den Erfahrungen gehört,
die die meisten Rekruten machen – seit vielen Jahren. Trotzdem wurde
nie eine flächendeckende Erhebung in der Bundeswehr durchgeführt. Wer
wissen will, ob Trinkgelage beim Bund die Regel oder die Ausnahme
sind, ist auf Mutmaßungen angewiesen. Ein unerträglicher Zustand.
Besonders dann, wenn er Wehrdienstleistende betrifft. Sie absolvieren
einen Pflichtdienst, der Staat trägt für sie besondere Verantwortung.
Verteidigungsminister zu Guttenberg verspricht, den von Ex-Soldaten
geschilderten Fällen nachzugehen. Als der Wehrbeauftragte Robbe vor
kurzem jedoch von der Möglichkeit eines generellen Alkoholproblems in
Teilen der Truppe sprach, reagierte zu Guttenberg abwehrend. Doch
dafür sollte er sich interessieren. Ein erster Schritt könnten
anonyme Befragungen der Soldaten über ihre Beobachtungen sein –
möglichst von neutraler Stelle.
Ein zweiter wäre die Analyse, welche Umstände zu solchem Verhalten
führen. Dass junge Männer – gerade unter Gruppendruck – anfällig für
übermäßigen Alkoholkonsum sein können, ist nicht der Bundeswehr
anzulasten. Anders sieht es aus, wenn Vorgesetzte beteiligt sind.
Zudem steht die Frage im Raum, ob auch die Art des Wehrdienstes eine
Rolle spielt. Viele Rekruten sprechen von “Gammeldienst”, quälender
Langeweile auf den Stuben. Wenn diese Art von Wehrdienst tatsächlich
üblich sein sollte, darf sich niemand über Frust wundern, der sich
abends in Trinkritualen Bahn bricht. Dann wäre es die Aufgabe des
Verteidigungsministers, solche Zustände zu ändern. Doch dafür muss er
davon erstmal etwas wissen wollen.

Pressekontakt:
Westdeutsche Zeitung
Nachrichtenredaktion
Telefon: 0211/ 8382-2358
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