Bremen (ots) – Moral und Maßstab
von Joerg Helge Wagner
Ihr Schritt ist ebenso ehrenwert wie unvermeidlich gewesen: Margot
Käßmann hat ihre eigenen Maßstäbe an sich selbst angelegt und die
entsprechende Konsequenz gezogen. Man stelle sich vor, ein
Verfassungsrichter wäre mit 1,5 Promille über eine rote Ampel
gebrettert – selbstverständlich hätte jeder den sofortigen Rücktritt
erwartet. Und genau nach dieser moralischen Fallhöhe muss man auch
den Fall Käßmann bemessen.
Die Bischöfin hat als oberste Vertreterin von 25 Millionen Gläubigen
erkannt, was zu tun ist – viel klarer als ihre EKD-Ratskollegen, die
sie aus falsch verstandener Solidarität vom Rücktritt abhalten
wollten. Wäre Margot Käßmann Vorsitzende geblieben, hätte dies die
Evangelische Kirche in Deutschland als moralische Instanz geschwächt.
Ihre Stellungnahmen zu politischen, sozialen, ethischen Fragen wären
nicht mehr auf so viel Gehör gestoßen oder – schlimmer noch – aus
Wissen um die eigene Fehlbarkeit gleich ganz unterblieben. Diesen
Schaden hat Bischöfin Käßmann von ihrer Kirche abgewendet.
Das Bedauern über ihren Rücktritt ist verständlich. Und es ist
bezeichnend, dass es auch von Menschen geäußert wird, die ihre
Ansichten nicht (immer) teilten. Käßmanns Einlassungen zum
Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr etwa haben dafür gesorgt, dass
endlich auch breitere Schichten unserer Gesellschaft diesen Krieg
wahrnehmen. Er wird nun nicht mehr als fernes Ereignis betrachtet,
das hier bloß einige Tausend Betroffene zu interessieren hat. Das ist
gut so.
Aber kirchliche Würdenträger haben eine Vorbildfunktion. Käßmann hat
aus einer allzu menschlichen Verfehlung schnell und hart gegen sich
selbst die Konsequenz gezogen. Das ist vorbildlich.
Ganz anders ist der Umgang ihres katholischen Pendants mit
Verfehlungen, bei denen – im Gegensatz zu Käßmanns Trunkenheitsfahrt
- etliche junge Menschen zu erheblichem Schaden gekommen sind. Die
Auseinandersetzung, die sich Erzbischof Robert Zollitsch als
Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz gerade mit der
Bundesjustizministerin liefert, ist nicht gerade ein Ausweis an
Bußfertigkeit. Genau die wäre aber angebracht angesichts des
ungeheuren Missbrauchsskandals – natürlich nicht persönlich, aber
seitens der Institution. Man muss nicht gleich Papst Benedikt XVI.
“Mea Culpa” für die Verbrechen an den Juden bemühen – aber ein wenig
von dieser Haltung schuldet der Erzbischof den Missbrauchsopfern.
Stattdessen aber wird darum gerechtet, vor wie vielen Jahre sich die
nun endlich aufgedeckten Missbrauchsfälle ereignet hätten – dabei
belegt diese unwürdige Diskussion die jahrelange Vertuschung ja nur
noch einmal. Natürlich sind die Fälle Käßmann und Missbrauch nicht
unmittelbar miteinander vergleichbar. Aber der Umgang mit ihnen macht
schon deutlich, wer ein ausreichendes Gespür für moralische Maßstäbe
hat.
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