tz München: "Wir sind Meister der Nicht-Einmischung": Der Münchner Autor Tilman Spengler zur Verhaftung von Ai Weiwei



München (ots) – Vor zwei Wochen wurde Chinas bekanntester Künstler Ai Weiwei wieder inhaftiert. Weiwei, der den Münchnern durch seine Ausstellung im Haus der Kunst in bester Erinnerung ist (die bunten Rucksäcke quer über die Fassade!), erhält allerdings nur relativ zaghaft Unterstützung aus dem Westen – wie der Münchner Schriftsteller Tilman Spengler meint. Hier das Interview mit dem Starautor und China-Experten. Hat sich durch die Festnahme von Ai Weiwei die Situation für Dissidenten in China verschärft? Tilman Spengler: Man kann die Schraube immer noch weiter anziehen. Aber es hat ja leider bereits ähnliche Fälle gegeben – denken wir nur an das Verschwinden der Anwälte, die sich für die Verhafteten engagierten. Ai Weiwei ist im Westen neben Liu Xiaobo nur der bekannteste Fall. Für uns ist das sozusagen ein Symbolname geworden. Die härtere Gangart wird ja aber seit drei, vier Monaten praktiziert. Wie ist die Festnahme zu werten? Spengler: Es scheinen sich da mindestens zwei Kraftfelder innerhalb der kommunistischen Führung zu beharken. Die eine Seite will der anderen beweisen, dass sie noch stärker ist. Offensichtlich sind da stark orthodoxe, nennen wir sie stalinistische Kräfte am Werk, die Angst davor haben, ein wirtschaftsliberales Denken könne auch zu politischem, vielleicht sogar schärferem sozialen Dissens führen. Und das nicht nur unter Intellektuellen, sondern auch unter anderen Teilen der Bevölkerung. Hilft der internationale Druck? Spengler: Nun, da bin ich nicht überaus optimistisch. Aber wenn es den Druck nicht gäbe, dann wäre deren Schicksal noch viel bedenklicher. Setzt sich die Bundesregierung genügend für Ai Weiwei ein? Spengler: Man darf das Gewicht unserer Regierung nicht überschätzen. Nicht im Falle von Ai Weiwei und auch nicht im Fall der anderen Opfer. Und man muss auch abwägen, was jenseits von Protestnoten geschehen kann. Für die meisten deutsch-chinesischen Aktivitäten gilt aber offenbar: business as usual. Jedenfalls habe ich nicht bemerkt, dass – nur ein schräges Beispiel – beim Formel-1-Rennen in Shanghai am letzten Sonntag ein deutscher Rennfahrer eine Extraschleife für chinesische Künstler eingelegt hätte. Hat der Westen gerade das Thema Menschenrechte bisher nicht zu wenig angesprochen? Spengler: Das Verrenkungspotenzial war und ist gewiss sehr groß. Das ist nicht sehr überraschend, wenn man bedenkt, wie viel Geld, wie viele Interessen auf dem Spiel stehen. Aber auch bei manchen osteuropäischen Nachbarn sind wir Meister der Nicht-Einmischung. Von außereuropäischen Staaten ganz zu schweigen. Sie durften nicht nach China einreisen. Was ändert das für Sie? Spengler: Als man sagte, ich sei kein Freund des chinesischen Volkes, hat man nicht alle Mitglieder des chinesischen Volkes gefragt. Ein paar Freunde habe ich noch. Es wäre jetzt nicht klug, wenn ich mich auffällig mit ihnen in Verbindung setze, deshalb halte ich mich zurück. Aber selbst in der chinesischen Politik kann man mit Wendungen zum Besseren rechnen. M. Schumacher

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