Ulm (ots) – Im Namen Allahs wollten sie töten, im Namen des Volkes
sind die als Sauerland-Gruppe bekannt gewordenen vier Islamisten
jetzt zu langen Haftstrafen verurteilt worden. Nach zehn Monaten und
66 Verhandlungstagen ist gestern in Düsseldorf einer der größten
Terrorprozesse in der Geschichte Deutschlands zu Ende gegangen.
Vorbei ist damit aber noch lange nichts. Weder ist der religiöse
Fanatismus überwunden noch der weit verbreitete Irrglaube, die
Religion anstelle des Verstands setzen zu dürfen. Zweifel sind auch
bei den Verurteilten angebracht, deren reumütig vorgetragenen
Geständnissen ein wenig die Überzeugungskraft fehlt.
Etwa bei dem aus Ulm kommenden Rädelsführer Fritz Gelowicz, der vor
Gericht einen wohlerzogenen, durchaus feinsinnigen und wortgewandten
Eindruck gemacht hat. Seit der Verhaftung seiner Ehefrau vor nicht
einmal zwei Wochen aber drängt sich ein Fragezeichen hinter seine
Glaubwürdigkeit. Nur wenige Wochen, nachdem er sich
öffentlichkeitswirksam von den Terrorplänen und der Dschihad-Union
losgesagt hatte, soll seine Ehefrau für eben jene Organisation Geld
gespendet haben, in deren Auftrag ihr Mann hundertfach den Tod nach
Deutschland bringen wollte.
Möglicherweise hat sich die junge Frau von ihrem Mann losgesagt und
im Kampf gegen den verhassten Westen verselbstständigt.
Möglicherweise aber führt sie auch nur fort, wozu ihr Gatte durch
dessen Inhaftierung nicht mehr imstande ist – die in diesem Fall erst
am Anfang stehenden Ermittlungen werden es zeigen müssen.
Ungeachtet dieser aktuellen Vorfälle, war der aufwändige und vom
Vorsitzenden Richter Otmar Breidling brillant geführte Mammutprozess
jede Minute wert. Wie bei einer Literaturveranstaltung konnte das
Publikum von der ersten Reihe aus den vier Antihelden auf der
Anklagebank in die dunkle Welt des Terrorismus folgen. In eine Welt
jugendlichen Eigensinns und gefährlichen Eifers, die bei allem
Zufälligen und Provisorischen beinahe blutige Realität geworden wäre.
Erschreckend, wie kategorisch die vier jungen Männer ganz offenkundig
ihr einziges Lebensheil darin sahen, Menschen zu töten, die ihnen im
Namen der Religion zu Feinden gemacht worden sind.
So todbringend die vier Buben von nebenan manipuliert wurden, das
Bild vom weltumspannenden Terrornetzwerk bedarf bei aller Brisanz
eines neuen Anstrichs. Seit dem Prozess wissen die Dienste viel über
die Radikalisierung junger sinnsuchender Menschen in deutschen
Moscheen und auch, wie sie in Sprachschulen verschiedener arabischer
Länder auf Linie gebracht werden. Die Vorstellung aber, dass der Weg
in den Heiligen Krieg einer festen Struktur folgt, geht an der
Realität vorbei. Monatelang saßen die kampfbereiten Gelowicz und Co.
in Syrien fest, bevor sie in armseligen Lehmhütten im pakistanischen
Hochland im Schießen und Bombenbauen ausgebildet wurden. Aber weder
die Afghanen noch die Iraker wollten “nicht-arabische Kämpfer” an
ihrer Seite haben. Und so wurde Deutschland nur zufällig zum
Anschlagsziel – last minute und erst, als alles andere vergeblich
versucht worden war.
Das macht die ganze Geschichte nicht weniger gefährlich. Sie zeigt
aber auf, wie unorganisiert der Terror ist und wie wenig letztlich
die Chance besteht, diesen Nicht-Strukturen militärisch wirksam
begegnen zu können. Menschen wie Gelowicz, Schneider, Yilmaz und Co.
gelangen offenbar nur aus purer Abenteuerlust in den Dschihad. Wenn
aber fehlgeleitete Bürgersöhnchen auf der Sinnsuche zufällig
Terroristen werden, dann helfen auf Dauer weder die Rasterfahndung
noch der hochgerüstete Polizeiapparat. Das menschliche Rätsel
Terrorismus ist auch in diesem Prozess nicht aufgelöst worden.
Pressekontakt:
Südwest Presse
Lothar Tolks
Telefon: 0731/156218
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