Berlin (ots) – Sexuelle Gewalt gegenüber Kindern ist ein
Verbrechen. Doch über einzelne Fälle offen zu reden, ist nach wie vor
ein Tabubruch. Die Angst vor diesem treibt auch manche Opfer um,
schließlich bedeutet das öffentliche Reden auch, dass die alten,
schon vernarbt geglaubten Wunden wieder schmerzhaft aufbrechen. Die
derzeitige Debatte über Vorfälle in katholischen Einrichtungen sowie
anderen Schulinternaten schlägt aber auch ganz neue Wunden. Es
schmerzt, wenn der Doyen der deutschen Reformpädagogik, Hartmut von
Hentig, behauptet, nicht der ehemalige Rektor der reformpädagogisch
orientierten Odenwaldschule habe sich an den Kindern vergangen,
sondern dieser sei möglicherweise von Schülern verführt worden.
Ausgerechnet der liberale, aufgeklärte Geist versucht begangenes
Unrecht mit den gleichen Schutzbehauptungen zu relativieren, wie dies
von Vertretern der katholischen Kirche bekannt ist.
Die Schriftstellerin Amelie Fried, selbst früher Schülerin in der
Odenwaldschule, hat das Schweigen darüber gebrochen. Doch zum offenen
Reden gehört auch, dass die jetzt bekannt gewordenen Fälle deshalb
Aufsehen erregen, weil sie Institutionen betreffen, die für sich –
jede auf ihre Art – die Bildung von moralischen Eliten reklamieren.
Am Grad der Empörung über die Missbrauchsvorfälle an den
Elite-Einrichtungen zeigt sich auch die Verwunderung der Gesellschaft
über die Alltäglichkeit ihrer Eliten.
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