Bielefeld (ots) – Es ist ja richtig: Polens Präsident Lech
Kaczynski war im Westen nicht beliebt. Zu sehr, so schien es
diesseits von Oder und Neiße, spielte er die nationalistische Karte,
zu undiplomatisch kam er daher und zu starrköpfig saß er bei
nächtlichen Verhandlungen im Kreise seiner EU-Kollegen, pochte auf
Vorteile für sein Polen, zu konservativ war seine Politik
Minderheiten wie Schwulen gegenüber. Viele Deutsche, besonders die
Heimatvertriebenen, hatten darüber hinaus ihre eigenen Probleme mit
den Zwillingen aus Warschau. Denn ohne seinen Zwillingsbruder
Jaroslaw ist der nun in Smolensk tödlich verunglückte Lech nicht zu
verstehen. Dabei galt Jaroslaw immer als der schärfere von beiden,
einigen sogar als Hetzer.
Doch im Westen machten sich viele erst gar nicht die Mühe, die
Kaczynski-Brüder zu verstehen. Dass vor allem Lech ein Mitbegründer
der Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc war und enger Berater von deren
Galionsfigur Lech Walesa, ist vielen Kritikern gar nicht bewusst. Er
war es auch, der die rechten, noch radikaleren Polen in die Mitte
geholt und Konflikte entschärft hat. In die Regierungszeit der
Zwillinge fiel dann auch ein Stück Liberalisierung. Was freilich
nicht so schnell voranging, wie man das in Deutschland gern gesehen
hätte. Dass Lech Kaczynski Polen immer aus dem eigenen Verständnis
und dem Selbstverständnis seiner Landsleute heraus vertreten hat,
hätte man ihm schon zu Lebzeiten nicht zum Vorwurf machen dürfen.
Jetzt im Tode schon gar nicht mehr.
Unabhängig davon, was wirklich die Ursache des Absturzes war – schon
schießen von Angst genährte Spekulationen ins Kraut, bis hin zu
Anschlagstheorien – kann das schreckliche Unglück dazu führen, dass
sich Westeuropa endlich ernsthaft mit den Polen und ihrer Geschichte
auseinandersetzt. Dann hätte die Katastrophe von Smolensk wenigstens
noch den Keim eines Nutzens in sich. Denn die Historie macht das
Geschehen vom Samstag zusätzlich tragisch.
Ausgerechnet auf dem Weg nach Katyn, ausgerechnet zu einem
Annäherungstreffen mit den Russen, die ihre Beteiligung an dem
Massaker an tausenden Angehörigen der polnischen Elite in Katyn im
Jahr 1940 lange abstritten, sind erneut Teile der Führung Polens
umgekommen. Neben Präsident Kaczynski starben Spitzenleute aus
Politik, Wirtschaft und Militär des Landes.
Polen versteht sich von je her als Land zwischen den Mühlsteinen,
wiederholt zerrieben, geteilt, gedemütigt von Deutschland und
Russland. Und immer traf das Leid die Elite besonders heftig. Deshalb
ist der Begriff “Ironie der Geschichte” zu schwach, um das Empfinden
unserer polnischen Nachbarn dieser Tage zu beschreiben. Es ist ein
neu erlebtes Trauma. Eine alte Wunde ist neu aufgerissen.
Polens Nachbarn sollten nun an seiner Seite stehen. Sie sollten den
Polen zeigen, dass es im Europa des 21. Jahrhunderts keine Angst vor
äußeren Feinden mehr geben muss. Für viele Europäer längst eine
Selbstverständlichkeit, die Polen scheinen jedoch aufgrund ihrer
Geschichte immer noch in dieser Angst gefangen.
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