Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar Arbeitsmarkt Der Preis der Arbeit ist zu niedrig HANNES KOCH, BERLIN



Bielefeld (ots) – Erfolge haben ihren Preis. Auch im Falle der sinkenden Arbeitslosigkeit ist das so. Jetzt gab die Bundesagentur die niedrigste Arbeitslosenrate seit 20 Jahren bekannt. Im vergangenen Jahr suchten im Durchschnitt unter drei Millionen Menschen eine neue Stelle. Parallel dazu ist die Zahl der Beschäftigten mit 41 Millionen auf einen Spitzenwert gestiegen. Diesen Erfolg hat sich die deutsche Bevölkerung hart erarbeitet. Und sie haben es sich zugleich teuer erkauft. Denn es gibt nicht mehr Arbeit in Deutschland – nur mehr Leute, die sie erledigen. Das heißt: Viele Menschen müssen mit weniger Geld und weniger sozialer Sicherheit zurechtkommen. Die Ursachen und Erscheinungsformen sind vielfältig. Nicht nur haben Regierung und Parlament die Arbeitslosenunterstützung verringert, auch die Löhne stiegen kaum. Außerdem gibt es mehr Arbeitsplätze in den Dienstleistungsbranchen, die oft schlechter bezahlen. Ebenso nahm die Zahl der Geringverdiener, Leiharbeiter und Teilzeitbeschäftigten zu. Mehr Beschäftigung haben wir also auch mit mehr Armut erkauft. Hält diese Entwicklung an, kann sie den sozialen Frieden in Frage stellen. Dürfen wir es uns aber leisten, den Preis der Arbeit wieder zu erhöhen? Was würde das bedeuten? Viele Unternehmen müssten ihrem Personal mehr bezahlen und hätten höhere Kosten. Ihre Konkurrenzfähigkeit gegenüber Wettbewerbern im In- und Ausland nähme dadurch nicht unbedingt ab, wohl aber sänken die Gewinne. Auch für die Steuer- und Beitragszahler könnte der Weg des sozialen Friedens höhere Ausgaben mit sich bringen. Wenn die Gesellschaft Armut verhindern will, muss sie für dieses Ziel mehr Geld zur Verfügung stellen. Deutschland ist eines der reichsten Länder der Erde. Grundsätzlich können wir uns diesen Weg leisten. Es ist die Frage ist, ob wir es wollen.

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