Neue OZ: Kommentar zum Rücktritt von Horst Köhler



Osnabrück (ots) – Rückzug in Panik

Horst Köhler hat Geschichte geschrieben. Erstmals seit Bestehen der Bundesrepublik wirft ein Bundespräsident spontan hin. Jetzt wird ihm vielfach reflexartig Respekt gezollt – aber wofür?

Der 67-jährige Christdemokrat begründet seinen überraschenden Rücktritt mit der Kritik an seinen Äußerungen zu Afghanistan. Angesichts der öffentlichen (Medien-) Schelte mögen Köhler die Ohren geklungen haben. Aber mit Verlaub: Das ist Alltagsgeschäft in der Politik und kein Rücktrittsgrund für einen Bundespräsidenten.

Der Republik, die sich mitten in einer schweren politischen und wirtschaftlichen Krise befindet, beschert Köhler eine unnötige Nachfolge-Debatte. Sicher ist, dass sein Rückzug die angeschlagene schwarz-gelbe Regierung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in noch schwierigeres Fahrwasser bringen wird. Auch das ist ein letzter Bärendienst an die Adresse der Christdemokraten.

Wie dünnhäutig muss der Mann geworden sein, der sich als Bürgerpräsident zum Anfassen nach wie vor bei der Bevölkerung großer Beliebtheit erfreute? Setzt man die regionale Brille auf, bleiben seine vorjährigen Auftritte in Osnabrück unvergessen, als er lobende Worte für die Friedensstadt fand. Anlässlich der Verleihung des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises an Henning Mankell warb Köhler für eine neue Afrika-Politik. Auch das nahm man ihm ab, lebte er doch die Partnerschaft mit dem Schwarzen Kontinent vorbildlich.

Mit seinem panikartigen Rückzug beschädigte der Finanzexperte Köhler sich, sein Amt und das demokratische System. Schönwetter-Politiker gab es bereits zuhauf. Jetzt hat Deutschland auch den ersten Schönwetter-Präsidenten. Von Köhlers herausragender, menschlich integren Persönlichkeit spricht niemand mehr. Das ist sehr schade.

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