Neue OZ: Kommentar zu Literatur / Dickens



Osnabrück (ots) – Gute Geister, schlechte Geister

Charles Dickens hat sich ausdrücklich dagegen ausgesprochen, dass ihm seine Landsleute ein Denkmal setzen. Zum 200. Geburtstag passiert es nun doch. Der Brite wollte auch auf dem Friedhof neben der Kathedrale von Rochester begraben werden. Doch angesichts seiner Beliebtheit im Volk wurde er in der Westminster Abtei in London beigesetzt. Letzteres, so erzählt man sich heute in Rochester, sei eine strategisch kluge Entscheidung von Königin Viktoria gewesen, um seiner Bedeutung für die Epoche gerecht zu werden. Und nun nach 200 Jahren folgt die von Autor ungewollte Denkmalpflege? Eine überflüssige Aktion, denn man wird Dickens auch künftig nicht regelmäßig von Staub befreien müssen: Es sind die starken Figuren und die intensiven Bilder vom Elend, die sich weltweit in das Gedächtnis von Generationen eingebrannt haben. “Dickens’sche Verhältnisse” ist ein Synonym für soziale Kälte eines ungezügelten Kapitalismus, nicht nur in seiner Heimat. Die Anklage dahinter hat an Aktualität nichts verloren. Deshalb wird seine literarische Stimme noch gehört. Er wird gelesen, be- und hinterfragt, verfilmt. Das war es, was er sich gewünscht hat. Ein Denkmal für einen rastlosen Wanderer? Das passt nicht, höchstens, wenn man es ins Wanken bringt.

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