Landeszeitung Lüneburg: Erkundung ist eine Kampfansage — Wolfgang Ehmke, Urgestein des Gorleben-Widerstandes, erwartet mehr Zulauf bei Castor-Transporten



Lüneburg (ots) – Wer erlebt eine Renaissance, die Atomenergie oder
der Widerstand dagegen? Die CDU-Ministerpräsidenten von Hessen und
Baden-Württemberg drängen auf eine Verlängerung der Laufzeit der 17
deutschen Meiler. Derweil veranlasste Umweltminister Röttgen die
erneute Untersuchung des Salzstocks Gorleben. In gut 20 Jahren könnte
dort die Endlagerung von Atommüll beginnen. Wolfgang Ehmke, Sprecher
der BI Lüchow-Dannenberg erwartet, dass der Bund die Endlagersuche
“in der Einbahnstraße Gorleben an die Wand führt”.

Umweltminister Röttgen hat das neunjährige Erkundungsmoratorium
aufgekündigt. Werden jetzt Fakten geschaffen für das “Atomklo
Gorleben”?

Wolfgang Ehmke: Wir befürchten: Ja. Das Projekt ist aus der Phase
der Vorfestlegung in die der Festlegung übergegangen. Bisher bestand
mit dem Moratorium noch die Möglichkeit, zurückzurudern. Etwa, indem
alle geologischen Einwände, die gegen die Eignung Gorlebens sprechen,
überprüft würden. Und vor allem über die Neueröffnung der
Endlagersuche. Die Tatsache, dass Röttgen sich allein auf Gorleben
festgelegt hat und dennoch von “ergebnisoffener Erkundung” spricht,
ist ein Widerspruch in sich. Für uns ist das der Startschuss für den
Ausbau des Endlagers Gorleben.

Muss Röttgens Ankündigung, auch alternative Standorte mit anderen
Gesteinsformationen untersuchen zu lassen, nicht ernst genommen
werden?

Ehmke: Diese Papierstudien gab es schon in den neunziger Jahren.
Da wurden von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe
Salzgesteine und Nicht-Salzgesteinsformationen untersucht, aber die
Politiker — gleich welcher Couleur — scheuten sich schon immer,
andere mögliche Standorte zu benennen. Denn sie fürchten den Protest
der Bürger. Das jetzige Vorgehen ist ein Treppenwitz der Geschichte:
Zunächst das Endlager auszubauen und erst dann ein atomrechtliches
Genehmigungsverfahren zu starten! Falsch rum.

Von den Südstaaten kam prompt ein Veto. Stehen die politischen
Signale unter Schwarz-Gelb klar auf Erkundung bis zur Fertigstellung
in Gorleben?

Ehmke: Ja, darauf deutet ja auch der Gegenwind hin, den
Umweltminister Röttgen prompt im Kabinett erhielt, als er bloß die
Worte “Endlagersuche” und “ergebnisoffen” in relativer Nähe
zueinander gebrauchte. Das zeigt, dass sich ein Projekt, das für
Millionen Jahre Sicherheit versprechen soll, gar nicht
parteipolitisch verhandeln lässt. Formelkompromisse, wie sie in der
Politik üblich sind, sind offensichtlich unangemessen, wenn es um die
Lagerung von Atommüll geht. Für uns ist die Aufhebung des
Erkundungsmoratoriums eine Kampfansage, die wir juristisch stoppen
und politisch zu Fall bringen wollen.

Röttgen verspricht größtmögliche Transparenz, analog zum
AkEnd-Verfahren. Würde sich die BI an einem solchen Verfahren aktiv
beteiligen?

Ehmke: Bestimmt nicht. Und da kann ich auch für die Bäuerliche
Notgemeinschaft und sehr viele Kommunalpolitiker in Lüchow-Dannenberg
sprechen. Alle nahmen dieses Angebot verwirrt zur Kenntnis. Modell
soll wohl die Asse-Begleitgruppe sein. Aber hier verrutschen die
Dimensionen. Dass sich Anwohner nach der Havarie eines Endlagers an
der Lösungssuche und den Auf”räumaktivitäten beteiligen, ist
nachvollziehbar. In Gorleben wird nach Bergrecht vorgegangen, um die
Öffentlichkeit außen vor zu halten. Bei einem atomrechtlichen
Verfahren gäbe es formale Mitspracherechte. Ein bisschen mitreden,
daran haben wir kein Interesse. Wir steigen gerne in eine
Begleitgruppe ein, wenn es um den Rückbau Gorlebens geht. Die
Prämisse für eine konstruktive Mitarbeit bei der Endlagersuche ist im
Übrigen für uns der Atomausstieg.

Gesetzt den Fall, eine Erkundung auch durch kritische
Wissenschaftler würde das Ergebnis erbringen, Gorleben wäre als
Standort geeignet. Gäbe es irgendeine Konstellation, die das Wendland
akzeptieren würde?

Ehmke: Nein. Weil diejenigen, die jetzt an der Macht sind, auch
die Zusammensetzung einer solchen Gruppe bestimmen würden. Wir würden
kein faires Verfahren erwarten angesichts der Enthüllungen der
vergangenen Monate. Jetzt wissen wir, dass in den achtziger Jahren
Akten geschönt wurden. Selbst behördenintern hatten nach Ende der
Tiefbohrungen Anfang der achtziger Jahre große Zweifel an der Eignung
Gorlebens als Endlager bestanden. Hydrogeologen hatten von Anfang an
vor Gorleben gewarnt, weil der Salzstock Wasserkontakt hat. Wenn das
alles nicht zur Kenntnis genommen wird, fährt Röttgen die
Endlagersuche in der Einbahnstraße Gorleben gerade gegen die Wand.
Angesichts dieser Geschichte der Erkundung in Gorleben nimmt dem
Umweltminister bei uns niemand mehr ab, dass er alternativlos, aber
ergebnisoffen erkunden will.

A propos Geschichte: Minis”terpräsident Albrecht erwartete 1977,
dass sich der Protest nach zwei Jahren totläuft. Sind sie stolz auf
den langen Atem der Wendländer?

Ehmke: Ja, das kann man auch mal zugeben (lacht). Wir sind
mittlerweile in der zweiten und dritten Generation politisch aktiv –
ich gehöre von Anfang an dazu. Ein gewisser Stolz ist vor allem da,
weil der Widerstand in der Bevölkerung so stark verankert ist. Man
sieht immer dann, wenn die Trecker rollen, den sehr bodenständigen
Anteil des Widerstandes. Das macht auch unsere Stärke aus. Es sind
eben nicht nur ein paar Zugereiste, wie von manchen Politikern gerne
gesagt wird, sondern das sind die Menschen in Lüchow-Dannenberg
selbst. Wenn wir als Bürgerinitiative zusammen mit der
Notgemeinschaft mobilisieren, ist ein Zehntel der Bevölkerung auf den
Beinen. Übertragen Sie das mal auf Lüneburg oder Hamburg.

Spüren Sie eine Wiederbelebung der Protestbewegung durch die
jüngste Debatte?

Ehmke: Das hatte sich schon vorher abgezeichnet. Wir sind im
letzten Jahr etwas in den Wahlkampf hineingeraten mit unserem
außerparlamentarischen Protest. Schon beim letzten Castor-Transport
waren statt der 6000 – 8000 Unterstützer der Jahre zuvor bereits
Tausende mehr aus der Bundesrepublik dazugekommen. Und die 50EUR000
Demonstranten in Berlin hatte von uns niemand erwartet. Bei 35.000
hätten wir uns angesichts des kurzen Vorlaufs bereits gefreut. Man
darf ja auch nicht vergessen, dass wir uns alle ehrenamtlich
engagieren. Nach der Bundestagswahl haben wir eine ganz andere
politische Konstellation: Drei Oppositionsparteien, die das Thema
Atomkraft — nein, danke auf ihre Fahnen geschrieben haben. Ich
denke, in einer solchen Lage wird der nächste Castor-Transport eine
Abstimmung mit den Füßen über die schwarz-gelben Pläne, die Atomkraft
weiterzubeleben und alleine auf Gorleben als Endlagerstandort zu
setzen.

Lüchows Landrat Jürgen Schulz konstatiert zunehmende Verbitterung
in der Region. Besteht die Gefahr einer Radikalisierung, wenn die
Proteste wieder folgenlos verpuffen?

Ehmke: Das wurden wir über 30 Jahre immer wieder gefragt, und es
ist nie dazu gekommen. Wir waren immer sehr klug beraten, zu betonen,
dass es nie eine Art “finale Schlacht” um Gorleben gibt.
Entsprechende Erwartungen gab es etwa an den Zäunen von Brokdorf und
Grohnde. Mit dem Ergebnis, dass der Widerstand dort tot ist. Uns war
immer wichtig, dass es Widerstand mit einem Augenzwinkern war. Lust
und List kamen zum Tragen, etwa bei Blockadeaktionen der 90-er Jahre,
die als solche gar nicht zu erkennen waren, weil die Bauern ihre
Produkte vor den Toren der Atomanlagen verkauft hatten. Es gab einen
Friseursalon vor dem Tor, Straßentheater. Es hat sich so etwas wie
Widerstandskultur entwickelt. Selbst die “Kulturelle Landpartie”
zählt hierzu. Zwar ist eine Verbitterung sicherlich vorhanden, doch
da sich der Widerstand aus ganz vielen Quellen speist, gibt es keine
Radikalisierung, die darauf hinausläuft, eine finale
Auseinandersetzung zu suchen, denn wer zuletzt lacht, lacht am
besten.

Das Interview führte
Joachim Zießler

Pressekontakt:
Landeszeitung Lüneburg
Werner Kolbe
Telefon: +49 (04131) 740-282
werner.kolbe@landeszeitung.de  

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