Hamburg (ots) – Mit harten Worten hat der Theologie-Professor und Kirchenkritiker Hans Küng den wissenschaftlichen Wert des neuen Papstbuches, den zweiten Band über Jesus von Nazareth, kritisiert. Es sei “für die wissenschaftliche Theologie kaum interessant” sagte Küng dem Hamburger Abendblatt (Freitag-Ausgabe). Der Papst vernachlässige die historisch-kritische Methode. Viele Katholiken würden von dem Kircheleiter eher erwarten, “dass er endlich die riesigen Reformprobleme anpackt” und nicht “dass er Bücher schreibt, die er als Professor in Tübingen oder Regensburg oder in den 30 Jahren als Kurienkardinal leicht hätte schreiben können”. Küng weiter im Hamburger Abendblatt: “Es ist bequemer, am Abend Bücher zu schreiben, als Reformen in der Kirche durchzufechten und die nötigen Maßnahmen einzuleiten.” Küngs neues Buch “Ist die Kirche noch zu retten” kam am 10. März ebenfalls in den Handel.
Das Interview im Wortlaut:
Hamburger Abendblatt: Seit gestern ist Ihr Buch “Ist die Kirche noch zu retten?” im Handel. Wäre dieses Thema auch für den Papst wichtiger gewesen, der gerade den zweiten Band seines Werkes über Jesus fertiggestellt hat? Prof. Hans Küng: Viele werden von einem Kirchenleiter erwarten, dass er endlich die riesigen Reformprobleme der katholischen Kirche anpackt. Sie erwarten vom Papst nicht, dass er Bücher schreibt, die er als Professor in Tübingen oder Regensburg oder in den 30 Jahren als Kurienkardinal leicht hätte schreiben können. Im Übrigen bleiben diese Bücher auf dem wissenschaftlichen Stand seiner Tübinger Jahre, vernachlässigen die historisch-kritische Methode und sind für die wissenschaftliche Theologie kaum interessant. Hamburger Abendblatt: Ist Papst Benedikt mehr Theologie-Professor als ein Kirchenlenker, der sich um eine kranke Institution kümmert? Küng: Es ist bequemer, am Abend Bücher zu schreiben als Reformen in der Kirche durchzufechten und die nötigen Maßnahmen einzuleiten. Hamburger Abendblatt: Sie meinen, die katholische Kirche in ihrer aktuellen Form kann nicht überleben. Warum? Küng: Die Kirche ist die einzige Institution im Westen mit einer Autokratie. Ein Einziger entscheidet, ob Frauen Empfängnisverhütung anwenden dürfen, Priester heiraten oder Katholiken und Protestanten zusammen Abendmahl feiern dürfen. Es fehlt an Mitbestimmung wie in der Urkirche. Das verlangt die heutige Demokratie. Hamburger Abendblatt: Viele Katholiken fordern eine stärkere Einbeziehung der Laien sowie der Frauen in die Amtskirche. Ist diese Forderung ein deutsches Phänomen? Küng: Selbstverständlich ist das je nach Kultur unterschiedlich. Aber auf der ganzen Nordhalbkugel sind diese Fragen höchstaktuell, in Amerika zum Teil noch mehr als bei uns. Hamburger Abendblatt: Kann der Papst tiefer gehende Reformen nur deshalb schwer durchsetzen, weil ihm Bischöfe und Priester nicht folgen würden? Küng: Nein, es ist genau umgekehrt. Die größte Mehrheit der Katholiken in den entwickelten Ländern ist für Reformen. Manche Bischöfe würden mitmachen, wenn sie vom Papst gestützt würden. Der Papst ist juristisch ein absoluter Monarch, der über Nacht entscheiden könnte, dass er die Gründe für ein freiwilliges Zölibat einsieht. Dann könnte das sofort Gesetz werden. Er kann aber auch alle Reformen verhindern. Ich rechne beim Papst derzeit nicht mit Überraschungen. Aber man darf dem Heiligen Geist keine Grenzen setzen.
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