Berlin (ots) – Auch in staatlichen Heimen der DDR hat es offenbar
zahlreiche Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen
gegeben. Die Leiterin der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof
Torgau, Gabriele Beyler, sagte dem Berliner “Tagesspiegel”
(Donnerstagausgabe), bei ihr hätten sich bislang 25 ehemalige
Insassen von DDR-Kinderheimen gemeldet, die von massiven sexuellen
Übergriffen durch Erzieher berichteten. Einige weitere Berichte sind
bei dem CDU-Bundestagsabgeordneten Manfred Kolbe eingegangen, in
dessen Wahlkreis Torgau liegt. Auch bei dem von Thüringen
eingesetzten Berater für SED-Opfer Manfred May melden sich verstärkt
Betroffene. Er vermutet “eine hohe Dunkelziffer” bei dem “mit großer
Scham bedeckten Thema”.
Beyler und Kolbe hatten unter dem Eindruck der jüngsten
Missbrauchsdebatten in der alten Bundesrepublik kürzlich einen Aufruf
veröffentlicht, in dem sie Betroffene aufforderten, über
entsprechende traumatische Erlebnisse in DDR-Heimen zu berichten. Die
bis jetzt bekannt gewordenen Fälle, in denen es um sexuellen
Missbrauch an Sechs- bis 17-Jährigen in ganz unterschiedlichen Heimen
geht, sind nach Ansicht Beylers nur die Spitze des Eisbergs.
Insgesamt gab es in der DDR 474 staatliche Kinderheime. Davon waren
38 sogenannte Spezialkinderheime und 32 Jugendwerkhöfe, in denen jene
Kinder verwahrt wurden, die als schwer erziehbar und
verhaltensauffällig galten. Kolbe sagte dem “Tagesspiegel”, der
sexuelle Missbrauch in diesen Heimen “scheint einen beachtlichen
Umfang gehabt zu haben”.
In einem Brief an Familienministerin Kristina Schröder (CDU) hatte
Kolbe gefordert, Vertreter der Gedenkstätte Torgau am geplanten
Runden Tisch zur Aufarbeitung der sexuellen Übergriffe zu beteiligen,
der am 23. April zum ersten Mal tagen soll. Das Thema müsse
gesamtdeutsch aufgearbeitet werden. “Es gibt keine Opfer erster oder
zweiter Klasse”, sagte Kolbe der Zeitung.
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