Frankfurt (ots) – Börsenbetreiber arbeiten, vor allem als
börsennotierte Unternehmen, gewinnorientiert. Das ist gut so, alles
andere würde dem Geist des organisierten Kapitalmarktes
zuwiderlaufen. Das freilich ist kein Freibrief, die Gewinnmaximierung
zulasten aller anderen Unternehmensziele und Ansprüche von
Stakeholdern auf die Spitze zu treiben. Der auch in den Reihen des
Vorstands der Deutschen Börse gereiften Selbsterkenntnis, dass die
Börse kein Unternehmen wie jedes andere ist und Verantwortung für den
Finanzplatz trägt, fehlen leider allzu häufig die Taten.
Von einer diese Verantwortung negierenden Maßnahme sind jetzt auch
die Leser dieser Zeitung betroffen: Die Deutsche Börse unterbindet ab
sofort die Veröffentlichung der Indexkapitalisierungen im Dax, mithin
auch der Gewichtung einzelner Werte und deren Free Float. Die
Relevanz dieser Informationen für Investoren wurde soeben wieder
deutlich bei der angekündigten Umwandlung der Fresenius-Vorzugsaktien
in Stammaktien (vgl. BZ vom 1. April).
Doch die Deutsche Börse betrachtet den Dax als ihr Eigentum und
will folglich an allen aus dem Dax abgeleiteten Produkten wie Fonds
oder Zertifikaten über Lizenzgebühren mitverdienen. Dem hat der
Bundesgerichtshof zwar einen Riegel vorgeschoben, aber durch die
Hintertür hebelt die Börse das Urteil dem Sinn nach wieder aus, indem
sie nun die Daten zum Dax nur gegen Bezahlung herausgibt (Bericht
Seite 18). Damit beweist die Börse zweierlei: Erstens, dass sie
findige Juristen hat, und zweitens, dass sie völlig unsensibel in
Belangen des Finanzplatzes und damit ihrer eigenen Lebensgrundlage
agiert und ihre Rolle am Finanzstandort immer noch nicht verstanden
hat.
Vielleicht ist es zu weit gegriffen, ein Börsenbarometer als
öffentliches Gut zu betrachten. Doch sei daran erinnert, dass ohne
den Beitrag der Medien und deren intensive Berichterstattung der Dax
nicht eine solche Erfolgsgeschichte geworden wäre. Übrigens stammen
weder Name noch Konstruktion von der Deutschen Börse. Der Name war
eine Idee des damaligen DGZ-Bank-Vorstands Manfred Zaß, der Index
selbst die Weiterentwicklung des einstigen Index der Börsen-Zeitung,
des bis dahin wichtigsten deutschen Aktienindex. Finanzplatzlosen
Gesellen freilich sind historische Zusammenhänge und
gesellschaftliche Verantwortung gleichgültig.
(Börsen-Zeitung, 2.4.2010)
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