Börsen-Zeitung: Angst vor dem Flächenbrand, Börsenkommentar "Marktplatz" von Dieter Kuckelkorn



Frankfurt (ots) – An den Kapitalmärkten stehen die Zeichen wieder
einmal auf Sturm. Der Euro ist am Freitag zeitweilig unter die Marke
von 1,36 Dollar gefallen, seit Anfang des Jahres hat er damit rund 8
US-Cent eingebüßt. Auch an den europäischen Aktienmärkten ist die
Lage ziemlich unerfreulich. Am Freitag ist der Dax um weitere 1,8%
abgesackt, nach einem Minus von 2,5% am Donnerstag.

Die Ängste der Marktteilnehmer wegen der Peripheriestaaten der
Europäischen Union (EU), genauer gesagt der unter dem wenig
vorteilhaft klingenden Akronym PIGS zusammengefassten Länder
Portugal, Irland, Griechenland und Spanien, haben sich deutlich
intensiviert – auch wenn sich die Spreads von fünfjährigen Credit
Default Swaps (CDS), mit denen sich Investoren gegen den Ausfall von
Staatsanleihen der betreffenden Länder absichern können, am Freitag
gegenüber Vortag leicht eingekürzt haben. Mit 400 Basispunkten
befindet sich der CDS-Spread Griechenlands aber nach wie vor auf
einem Niveau, das ein deutliches Unbehagen der Anleger anzeigt.

Die Marktteilnehmer lassen sich inzwischen nicht mehr mit der
Erwartung abspeisen, dass die EU die Dinge im Zweifel schon richten
wird und dass eine Rettungsaktion für Griechenland die Union kaum
belastet – angesichts der Tatsache, dass Griechenland gerade einmal
2,7% zum Bruttoinlandsprodukt der Eurozone beisteuert. Mittlerweile
geht aber die Sorge um, dass sich die Probleme zu einem Flächenbrand
ausweiten könnten. Derzeit hat nämlich nicht nur Griechenland ernste
Schwierigkeiten mit der Refinanzierung über Staatsanleihen. Portugal
hat zur Wochenmitte bei Geldmarktpapieren mit einjähriger Laufzeit
eine um rund 50% höhere Verzinsung bieten müssen als noch Mitte
Januar.

Ein etwas genauerer Blick offenbart, dass die Lage sowohl für die
Hellenen als auch für die Portugiesen recht bedrohlich ist.
Griechenland muss bis Mitte Mai nach jüngsten Schätzungen von Credit
Suisse die stolze Summe von 30 Mrd. Euro über den Markt aufnehmen.
Ein solcher Betrag ist für ein Land dieser Größe ungewöhnlich, aber
leider kein Einzelfall: Portugal muss bis Ende des Jahres 37 Mrd.
Euro an Geldmarkt- und Kapitalmarktpapieren ablösen bzw. neu
aufnehmen, wobei der Mai in dieser Hinsicht für das Land besonders
anspruchsvoll zu werden verspricht.

Die nächsten drei Monate werden also mit Blick auf das
PIGS-Problem entscheidend sein. Es lässt sich noch nicht abschätzen,
ob die beiden Länder in der Lage sein werden, neue Mittel zu
akzeptablen Konditionen aufzunehmen.

Die Analysten von Unicredit schlagen übrigens vor, “PIGS” lieber
als “GPSI” zu buchstabieren, wobei die Anordnung der Buchstaben den
Grad der Gefährdung wiedergibt – mit Griechenland an der Spitze. Die
Analysten weisen darauf hin, dass von Spanien als einem der großen
EU-Länder ebenfalls Gefahr ausgeht. Zwar sind die makroökonomischen
Ungleichgewichte im Fall Spaniens geringer ausgeprägt als bei den
beiden Hauptkrisenkandidaten. Allerdings befindet sich das Land nach
wie vor in der Rezession.

Es muss also damit gerechnet werden, dass die Unsicherheit an den
Märkten aufgrund der PIGS-Problematik noch mindestens bis Mai anhält.
Für den Euro bedeutet dies, dass bestenfalls mit einer
Seitwärtsbewegung zu rechnen ist – sofern es nicht zu einem
Befreiungsschlag beispielsweise in Form der bislang abgelehnten
gemeinsamen Anleihen der EU-Länder kommt.

An den Aktienmärkten ist die Perspektive auch nicht viel besser.
So vermag es die laufende Berichtssaison bislang nicht, für eine
bessere Stimmung der Anleger zu sorgen. Zwar liegen in den USA fast
80% der Quartalszahlen über den Erwartungen-allerdings meist nur ganz
knapp, was am Markt kaum Eindruck macht. Die Analysten der WestLB
gehen davon aus, dass das Ausmaß der positiven Gewinnüberraschungen
auch in Europa nicht ausreichen wird, um die Unsicherheit kurzfristig
auszugleichen.

Es bliebe somit nur die konjunkturelle Entwicklung als möglicher
Kurstreiber. Die wegen der global niedrigen Auslastung der
Produktionskapazitäten enttäuschenden Investitionsvolumina sprechen
aber eher dagegen, dass sich ein selbsttragendes Wirtschaftswachstum
entwickelt. Die Nervosität wird also noch länger anhalten, eine
Trendwende ist nicht in Sicht.

(Börsen-Zeitung, 6.2.2010)

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Redaktion

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