Berlin (ots) – Einen stolzen Etat von hundert Millionen Euro und
ein gefülltes Konto. Ein volles Stadion im Herzen der Stadt, drinnen
ein Team mit Stars und Sternchen. Immer Champions League und ein Tor
mehr als der Gegner. Und: Endlich wieder einen Titel!
Fantasie hilft vielleicht, um Herthas Krise und die grauenhafte
Tristesse vor dem Abstieg in die Fußball-Niederungen schön zu
träumen. Der Gang in Liga zwei ist unvermeidlich. Und bevor man nach
dem Schuldigen für den ganzen Schlamassel sucht, sollte man sich kurz
die großen Fragen stellen: Hat Berlin das alles verdient? Nein. Ist
Fußball wirklich so ungerecht? Natürlich nicht. Darf Deutschlands
Metropole auf Augentiefe mit Arminia Bielefeld stehen? Niemals. Ist
es peinlich, als so ziemlich einzige Hauptstadt des Kontinents ohne
vorzeigbare Balltreter dazustehen? Lautes Ja.
Aber Jammern hilft bekanntlich nie. Hertha muss es wie Berlin machen,
muss Kreativität und Kraft aus dem Chaos ziehen. Und das mit einem
Plan, der begeistert.
Auf dem Weg dahin müssen Polemik und Kritik sicher erlaubt sein für
Berlins immer noch populärsten und seit 78 Jahren meisterlosen Klub.
Doch was hilft weiter in diesen Tagen, wo Fans leiden und der ewige
Nörgler den Verein nur wieder mit verächtlicher Geste in die Gosse
schiebt? Droht Liebesentzug? Nein: Das darf nicht sein. Hertha ist
doch nicht anders als Berlin in all seinen widersprüchlichen
Facetten: Hertha ist grandios, und dann wieder so unfassbar gruselig.
Von allem ein bisschen, nichts in Gänze und Perfektion. Hertha ist
wie Rot-Rot im Rathaus – ein Versuch, eine Ansammlung von
Experimenten und gescheiterten Idealen. Hertha ist wie Berlins
Kultur: chronisch pleite und chronisch kreativ. Hertha ist wie die
Stadt: hier Brachen, dort Lafayette. Die klamme Stadt lässt einfach
die müllmachende Love Parade ziehen – um sich mit der Berlinale auf
Weltniveau zu präsentieren. Hertha ist wie der 1. Mai in Kreuzberg –
mittags artig für Familien da, abends für den Mob. Hertha ist Berlin.
Doch wie schafft dieser Fußballklub jetzt die Wende? Jedenfalls nicht
mit Tränen und blinder Wut. Und vor allem nicht mit dieser Gewalt!
Aber eben auch nicht mit Ignoranz und der Weiter-so-Mentalität.
Berlin ist stark und geliebt, weil Berlin Power hat und lebt. Das
fehlt Hertha: Diesen Kick braucht der Klub. Weshalb die Vergangenheit
ins Abseits gehört, ein kompletter Neuanfang ist unvermeidlich. Dazu
gehört auch ein neuer Trainer. Um frische Energie zu sammeln. 35
Millionen Euro Schulden dürfen kein Hindernis sein, Ideen zu
entwickeln und die Moderne in den Verein zu bringen. Unterstützer
findet nur der, der spannende Perspektiven bietet. Fragt nach bei den
Erfolgreichen der Stadt. Bei Michalsky, Joop. Bei Alba und Eisbären.
Hertha kann sich Zukunft schaffen. Der Verein muss den Masterplan
designen, Berlin muss helfen. Verloren ist die Saison. Nicht der
Klub.
Und, Abstieg hin oder her: Bonn war nie erstklassig – Berlin ist und
bleibt es. Auch mit oder wegen einer neuen Hertha.
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