Berliner Morgenpost: Griechenlands Krise kann Europa stärken (Leitartikel)



Berlin (ots) – Erinnert sich noch jemand an das Mantra von Theo
Waigel? “3,0 ist 3,0 und nicht drei”, sagte der frühere
Finanzminister immer dann, wenn er nach den Kriterien für den
Beitritt in die Euro-Zone gefragt wurde. Was Waigel damals sagen
wollte, war klar: Den Euro bekommt nur, wer die Vorgaben des
Maastrichter Vertrags auf Punkt und Komma erfüllt. Dass keiner der
Kandidaten mehr als drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts an
Neuverschuldung aufweisen sollte, wusste jeder, der die Debatte
verfolgte. Und dass die Griechen, als sie dem Euro beitraten, die
Kriterien mühevoll einhielten, die Zahlen des Landes aber das Papier
nicht wert waren, auf dem sie standen, das ahnte auch jeder.
Heute, Jahre später, rächt es sich, dass die anderen Europäer
schulterzuckend ignorierten, was die Griechen ihnen servierten. Das
Land lebte weiter über seine Verhältnisse. Spanien und Italien –
früher als unsolide bekannt – mühten sich, ihre Finanzen zu sanieren.
Griechenland aber dachte nicht einmal daran. Internationale Geldgeber
fragen sich deshalb, ob Athen seine Kredite künftig noch bedienen
kann. Je größer die Zweifel werden, desto geringer ist die
Wahrscheinlichkeit, dass die Banken dem Land neue Darlehen geben.
Drehen die Institute den Geldhahn ab, ist der Staat pleite.
Was soll’s, könnte man sich sagen. Sollen die Griechen die Suppe doch
selbst auslöffeln. Allerdings gibt es da ein Problem. Wenn das Land
nicht mehr zahlen kann und die Euro-Zone-Länder nicht helfen, werden
die Finanzmärkte bald auch auf den Ausfall ebenfalls angeschlagener
Kandidaten wie Spanien, Portugal und Irland wetten. Und wenn diese
Länder kein Geld mehr bekämen, droht die Katastrophe. Ginge zum
Beispiel Irland pleite, könnte es einige britische Banken so kräftig
schütteln, dass die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im
Vergleich nur wie ein Vorspiel wirken würde, so die Angst der
Politiker. Nichts in dieser Risikoanalyse ist absolut sicher. Es gibt
viele Wenn und Aber. Dass die Politik so ein Erdbeben innerhalb
kurzer Zeit auf keinen Fall ein zweites Mal riskieren will, ist
jedoch verständlich.
Hat man sich auf diese Grundannahmen verständigt, bleibt fast nur
eine Option: Bevor Griechenland pleitegeht, muss die EU einspringen.
Im Gegenzug wird das Land seine Souveränität zum Großteil an
europäische Institutionen abgeben müssen. Dieser Machttransfer lässt
sich bereits beobachten. Allen anderen – nicht nur den
Wackelkandidaten – dürfte es auf Dauer ähnlich ergehen, will man die
Euro-Zone politisch nicht sprengen. Am Ende dieses Prozesses könnte
ein Ergebnis stehen, das viele EU-Mitglieder – allen voran
Deutschland – nie wollten: eine Euro-Zone mit einer eng koordinierten
Finanz- und Wirtschaftspolitik.
Anstatt die Euro-Zone zu sprengen, könnte die Krise das
Staatenbündnis also viel enger zusammenschmieden. Das ist nun einmal
der Preis der gemeinsamen Währung. Nicht umsonst verglich
Euro-Gruppe-Chef Jean-Claude Juncker das marode Griechenland und die
Beistandspflicht der Euro-Zone mit Kalifornien und dessen
Zugehörigkeit zu den USA.

Pressekontakt:
Berliner Morgenpost

Telefon: 030/2591-73650
bmcvd@axelspringer.de  

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