Berliner Morgenpost: Geburtstagsgruß für einen politischen Frührentner – Leitartikel



Berlin (ots) – Man hört ja nicht allzu viel von ihnen heutzutage.
Es geht eher ein bisschen lustlos und routiniert zu, wenn Jürgen
Trittin eine Rede hält. Oder Renate Künast, der die Parteifreunde
derzeit ein bisschen zu nahe legen, doch bitte bei der nächsten Wahl
zum Abgeordnetenhaus gegen Klaus Wowereit anzutreten. Vom hohen C der
Claudia Roth mal ganz zu schweigen. Die Grünen kämpfen derzeit eher
mit sich selbst als gegen die anderen. Zügiger Wachwechsel wäre
eigentlich angesagt trotz der gewonnen-verlorenen Bundestagswahl.
Aber der kommt bestenfalls schneckenmäßig voran. Die Damen und Herren
in der Führungsetage klammern ein wenig. Es ist bei Grüns inzwischen
wie überall.
Es gibt nicht allzu viele Menschen, die damit gerechnet haben, dass
eine ziemlich aufregende Erfolgsstory werden sollte, was am Mittwoch
vor 30 Jahren im beschaulichen Karlsruhe begann. Eine Art politischer
Dauerputsch, der die Bonner Republik nicht, wie von den damaligen
Protagonisten so sehnlich gewünscht, schlagartig, sondern schleichend
verändern sollte.
Weiß man ja: Ohne die Grünen, die als Erste das über drei Jahrzehnte
zementierte Dreiparteiensystem Westdeutschlands aufbrachen und mit
den Etablierten unerträglichem Gebrüll in den Bonner Bundestag
einzogen, wären die Dinge zumindest in der alten Bundesrepublik
vermutlich deutlich langsamer in Bewegung gekommen. Und auch im
wiedervereinigten Deutschland wäre es möglicherweise behäbiger
zugegangen. Auf jeden Fall zugeknöpfter. Vielleicht auch nicht ganz
so zynisch. Eine “Klimakanzlerin” jedenfalls, die der Union angehört,
ist ohne den Karlsruher Gründungskongress von 1980 nicht vorstellbar.
Und wenn man den Wirtschaftswissenschaftlern zuhört, was Trumpf sein
soll in den kommenden Jahren, nämlich ökologische Energiegewinnung
und Elektroautos, dann dürfen sich die wollsockigen
Windkraftfanatiker der ersten Stunden schon bestätigt fühlen. Die
These, dass wir ohne diese gerne Verunglimpften nicht ganz so führend
wären in Sachen Umwelttechnik, Recycling und Green Economy, müsste
jedenfalls erst mal widerlegt werden. Deutschland ist auch dank der
biestigen Verbissenheit vieler Altgrüner weiter als viele andere
Länder, und wie es aussieht, wird das für die Zukunft kein Nachteil
sein.
Ob dieser Vorsprung auch den Grünen nutzt, ist dagegen kaum
vorhersehbar. Sie werden ihren gesellschaftlichen Erfolg, der mit
einer siebenjährigen Regierungszeit belohnt wurde, nicht wiederholen
können. Es fehlt an der Fähigkeit zu Fantasie und Vision, vor allem
aber an dem einem, einenden und emotionalisierenden Thema. Die Grünen
wirken wie politische Frührentner, die von alten Zeiten träumen. Ein
neuer Aufbruch steht weder inhaltlich noch personell zur Debatte.
Beliebigkeit aber, die sich auch in der Öffnung zur Union spiegelt,
kann Profil nicht ersetzen.
In vier Jahren, so hat es Parteichef Cem Özdemir postuliert, wolle
man wieder mitregieren. Warum das so sein sollte und wofür es gut
sein könnte, das werden die Grünen uns bis dahin noch erklären
müssen.

Pressekontakt:
Berliner Morgenpost
Chef vom Dienst
Telefon: 030/2591-73650
bmcvd@axelspringer.de  

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