Berlin (ots) – Diesmal erfolgt der Abgang geordnet, und diesmal
ist er unfreiwillig. Oskar Lafontaine muss seinen Feldzug gegen die
SPD abbrechen, weil er einen neuen, einen wahren Feind bekämpfen
muss, den Krebs. Der heimliche Traum des Ko-Parteichefs der Linken
war es, die SPD von links zurückzuerobern, die beiden Parteien
zusammenzuführen und so hundert Jahre nach der Spaltung der alten SPD
die “Einheit der Arbeiterklasse” doch wiederherzustellen. Unter
Lafontaines Führung wird es zur Verwirklichung dieser Vorstellung nun
nicht mehr kommen. Der Napoleon von der Saar, von den einen verlacht
und verachtet, von anderen verehrt, muss sich höherer Gewalt beugen.
Der schillernde, von Affären, Skandalen und Feindschaften geprägte
Weg des einstigen Jesuitenschülers in die Bundespolitik endet mit dem
Rückzug auf das Krankenbett.
Lafontaine hat sich immer für den Besten unter den Begabten gehalten.
Seine Kampfgenossen ließ er es spüren. Zweimal hatte er die Chance,
in Deutschland das Heft in die Hand zu bekommen, und beide Male
verlor er sie. Das erste Mal geschah das durch die Wende in der DDR,
das zweite Mal durch Gerhard Schröders raffinierte Machtpolitik. Nach
Lafontaines phänomenalem Wahlsieg an der Saar 1985 sah es so aus, als
werde die Ära Helmut Kohl 1990 durch eine Ära Lafontaine abgelöst,
die in der sofortigen Anerkennung der DDR ihren schnellen
verhängnisvollen Höhepunkt gefunden hätte. Lafontaines Unfähigkeit,
andere als von ihm selber definierte politische Trends rechtzeitig zu
erkennen, hat das verhindert. Sein Anti-Einheits-Wahlkampf wäre auch
ohne das Attentat auf ihn versandet. Für Deutschland war das ein
Gewinn. Die zweite Chance nahm sich Lafontaine 1995 mit dem Putsch
gegen Rudolf Scharping. Diesmal ergab sich die SPD ihm mit Haut und
Haar. Eine sorgfältig in Gang gesetzte Blockadepolitik Lafontaines
gegenüber Kohl im Bundesrat bereitete Schröder den Boden. Doch
Lafontaine war blind dafür, dass Schröders Macht größer war als
erwünscht. 1999 schmiss er hin, an einem legendär gewordenen Märztag,
der ohne den 11. September 2001 der Abspann der Bonner Republik
geworden wäre.
Seither herrschte Krieg zwischen ihm und den anderen “Enkeln
Brandts”. Der Populist, der Volkstribun eroberte sich die PDS und
machte sie zu einem Rammbock gegen seine frühere Partei. Im Herbst
2009 wollte Lafontaine die Ernte einfahren. Das misslang. Die
Linkspartei holte Mandate ohne Macht, sie erlebte einen Höhenrausch
für eine Nacht, an deren Ende die Aussicht auf das Bohren dicker
Bretter stand. Die Enttäuschung trug dazu bei, dass nun auch in der
Linken ein Bruderkampf ausbrach, diesmal zwischen Lafontaine und
Dietmar Bartsch. Der Saarländer, den manche einen Demagogen nennen,
fand nicht aus seiner Haut.
Die Vendetta, die sich besonders Lafontaine und Franz Müntefering
lieferten, trug paranoide Züge. Eine dermaßen persönliche Abrechnung
zweier verletzter Egos konnte der Demokratie nicht guttun. Am
Krankenbett mögen die Kontrahenten nun ihr Kriegsbeil begraben.
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