Berliner Morgenpost: Berlin hat wieder gezeigt, was es kann – Leitartikel



Berlin (ots) – Und was haben wir nun davon, wir hier in Berlin?
Bleibt etwas nach von dieser Leichtathletik-Weltmeisterschaft, die,
anders als ihre große Fußball-Schwester, doch eher leise daherkam,
die einen nicht singend und hupend und lautstark überwältigte wie das
alte Sommermärchen, sondern sich still und leise, aber trotzdem immer
ganz vergnügt entdecken lassen wollte. Sehr fröhlich sah sie aus,
wenn man ihr nur ein wenig näher kam und nicht davon ausging, sie
würde einen von zu Hause abholen. Doch selbst da, fernsehentfernt im
Sofa, wirkte sie sehr charmant und uneitel und bodenständig.
Ihre Typen lebenslustig, aber nur selten so überdreht wie Usain Bolt,
bei dem man das ja verstehen kann. Wie, kurzer Ausflug, wären wir
wohl drauf, wenn wir Hundertmeterweltrekorde nach Belieben laufen
könnten? Wenn uns alle Welt zu Füßen läge, um uns zugleich zweifelnd
in die Nasenlöcher zu schauen: Geht das denn wohl mit rechten Dingen
zu?
Das Thema Doping schwingt inzwischen immer mit, wenn sich
Einzelsportler miteinander messen, Hochleistung abrufen und jederzeit
Angst haben müssen, dass es doch nicht reicht, trotz der ganzen
elenden Quälerei und Schufterei, dem Einerlei des Einzelkampfs. So
müssen sie ja alle auch ein wenig verrückt sein, sich derart zu
binden an einen Speer, einen Diskus oder eine Landung im feuchten
Sand. Das wird uns nicht verlassen, dass es da immer einen gibt, der
versucht, die anderen übers Ohr zu hauen, der sich päppelt mit
Mittelchen aus Dr.Frankensteins Apothekenschrank.
Diese leise Gewissheit, dass irgendwas schon dran sein muss am
schlechten Ruf vieler Hochleister, hat unseren Traum bei der WM 2009
- noch – nicht zerstört. Kein großer Sieger dieser Tage, der im
Nachhinein zum großen Sünder mutiert wäre. Aber selbst jetzt, am
letzten Tag der schönen Spiele, schwingt der leise Zweifel weiter:
Vielleicht kommt da ja noch was nach. Dopingfahnder sind ziemlich zäh
mittlerweile.
Wir wissen also nicht, ob diese Weltmeisterschaft wirklich
einigermaßen sauber war, ob jeder Medaillengewinner zu Recht bejubelt
wurde. Aber wir wissen dennoch, dass wir Wunderbares hinter uns
haben. Tage, an denen Berlin wieder einmal gezeigt hat, dass es so
was kann. Ohne zu viel Pomp, ohne unangemessenen Aufwand,
unangestrengt, sogar die S-Bahn fuhr und fuhr und fuhr. Sehr
zuverlässig, manchmal wurde es eng, aber unterm Strich: Nicht
schlecht angesichts der üblen Vorgeschichte.
Lernen wir noch was? Ja klar, dass es eben noch jede Menge anderen
Sport gibt als immer nur Fußball. Und dass diese Sportarten
eigentlich auch mehr Zuschauer verdient hätten. Dass man im Stadion
fröhlich feiern kann auch ohne zu viel Pils und großes Gegröle. Dass
ein Stadion ganz leise sein kann, wenn Ariane Friedrich den Finger an
die Lippen hält. Dass man sogar ein albernes Maskottchen ins Herz
schließen kann. Berlino, keine Frage, hat eine ganz große Medaille
verdient. Also, Fazit: Es lohnt sich allemal, große Sportereignisse
in dieser Stadt auszurichten. Das ist nicht neu, aber schön, dass es
sich bestätigt hat.
Bis zum nächsten Mal, Berlin!

Pressekontakt:
Berliner Morgenpost
Chef vom Dienst
Telefon: 030/2591-73650
bmcvd@axelspringer.de  

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